
chinesische Broschüre zur Propagierung der Ein-Kind-Politik |
Zu diesem Thema schrieb die Tageszeitung DIE
WELT am 1.2.2000:
China nimmt Abschied von Ein-Kind-Politik
Niedriges Bevölkerungswachstum trotz vieler Ausnahmen - Aufklärung greift
Von Johnny Erling Peking - Am 5. Januar wird in China nach dem Mondkalender
das neue Jahr des Drachens gefeiert. An diesem Tag wünschen sich traditionsgemäß
die Chinesen viele Kinder, am liebsten männliche Nachkommen als "Drachensöhne".
Dieses Mal indes beginnt das Jahr des Drachen mit einem politischen Signal:
China will seine weltweit kritisierte und von den USA als Verletzung der Menschenrechte
angegriffene Geburtenkontrolle liberalisieren. Bei der unter dem Namen Ein-Kind-Politik
bekannt gewordenen staatlich erzwungenen Geburtenplanung sollen künftig immer
mehr Ausnahmen möglich werden. Bereits heute erhalten fast alle jungen Stadtbewohner
das Recht, in Zukunft wieder zwei Kinder zu haben. "Unsere Familienplanung hat
sich über Jahre bewährt", sagte am Montag die Vizeministerin für Familienplanung,
Zhang Yuqin, in Peking. Chinas jüngste Zahlen unterstreichen dies: Um nur noch
elf Millionen Menschen wuchs 1999 die Gesamtbevölkerung auf derzeit 1,259 Milliarden
Menschen an. Mit dem bisher niedrigsten Zuwachs von weniger als neun Promille
kann China unter seinem Ziel von 1,3 Milliarden Menschen zum Ende des Jahres
2000 bleiben. Pekings Familienplaner fühlen sich sicher genug, um zum ersten
Mal zu berichten, wie wenig einheitlich ihre Ein-Kind-Politik in China zur Anwendung
kam. Sie konnte bislang in nur sechs der entwickelten Provinzen und Regionen
des Landes, darunter Peking, Shanghai, Jiangsu und Sichuan für 37 Prozent der
Bevölkerung durchgesetzt werden. Für mehr als die Hälfte der Bevölkerung (53
Prozent) in weiteren 19 Provinzen waren die Ausnahmen von der Einkindfamilie
die Regel, die etwa Bauernfamilien, deren Erstgeborene ein Mädchen war, das
Recht auf ein zweites Kind erlaubten. Diese Angaben verdeutlichen, warum nach
20 Jahren der erzwungenen Ein-Kind-Politik heute in China nur wenig mehr als
60 Millionen Einzelkinder bei den 365 Millionen Familien des Landes gezählt
werden. Planungsdirektorin Jiang Yiman kündigte an, dass alle Einzelkinder in
27 Provinzen des Landes künftig das Recht erhalten, wenn sie sich verheiraten
und beide Ehepartner Einzelkinder sind, wieder zwei Kinder zu bekommen. China
hält zwar generell weiter an seiner restriktiven Geburtenplanung fest, beendet
aber alle Versuche, seine Ein-Kind-Politik hundertprozentig durchsetzen zu wollen.
Mit einem Anstieg der Bevölkerung rechnen die Geburtenplaner dennoch nicht.
Ein immer besserer Lebensstandard, mehr Aufklärung und Verhütung begrenzen die
Zahl der Kinder heute ebenso stark wie die Zwänge zur Geburtenkontrolle. Noch
wachsen wir trotz Tritts auf die Bevölkerungsbremse bis zum Jahr 2050,
sagt der Statistiker Wang Qian. Chinas Bevölkerung werde bei 1,5 Milliarden
Menschen Nullwachstum erreichen und dann wieder abnehmen. |