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Für den großen Sprung auf den freien Markt zahlen die Chinesen einen hohen Preis

WTO-Beitritt wird Millionen von Arbeitsplätzen vor allem in der Landwirtschaft kosten / Wirtschaftsexperten warnen vor erheblichen sozialen Unruhen

Von Harald Maass (Peking)

Am Dienstag wird der US-Senat die letzten Hürden beseitigen. Dann ist der Weg frei für Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO. Mit der damit verbundenen Öffnung des heimischen Marktes lässt Peking endgültig den Kapitalismus ins Land. Während Manager wie Zhang Ruimin keine Angst vor der ausländischen Konkurrenz haben, sondern selbstbewusst ihre Exportchancen suchen, muss sich der Bienenzüchter Chen Ziuzhong auf noch härtere Zeiten einstellen. Denn Importe billiger Lebensmittel drohen die Existenzgrundlage von mehr als 800 Millionen Menschen, die in der rückständigen und ineffizienten Landwirtschaft arbeiten, zu vernichten.

Bienenzüchter Chen Zizhong hat es nicht einfach gehabt in seinem Leben. Seit dreißig Jahren zieht er mit seiner Familie durch die Provinzen. Alle paar Wochen müssen die Chens ihre Zelte an einem anderen Ort aufschlagen, um die Bienen mit frischen Blüten zu versorgen. Von den wenigen Hundert Yuan, die sie mit dem Honig verdienen, kommt die vierköpfige Familie gerade so über die Runden.

Bald könnte für die Chens alles noch schwieriger werden. Wenn Peking demnächst der Welthandelsorganisation WTO beitritt, werden Millionen chinesischer Bauern plötzlich mit internationalen Agrarunternehmen konkurrieren müssen. Chen hat sich mit seinem Schicksal abgefunden: "Sollen sie ruhig kommen. Dann werden wir eben noch härter arbeiten."

Eine stille Revolution bahnt sich im Reich der Mitte an. Diesmal sind es nicht die Studenten und Intellektuelle, die zum Umsturz drängen. Es ist die KP-Führung selbst, die das Land in das wohl größte Abenteuer seit zwei Jahrzehnten stürzt. Nach 14 Jahren Verhandlungen wird Peking demnächst Mitglied der "World Trade Organisation" (WTO). Wie nie zuvor in seiner 3000jährigen Geschichte öffnet sich China damit der Welt und den Spielregeln des internationalen Handels.

"In der Vergangenheit haben wir den Fluss überquert, indem wir nach den Steinen tasteten", zitiert der Pekinger Politikwissenschaftler Wang Shan ein Sprichwort. "Jetzt werden wir mit den Reformen auf einer geteerten Straße voranschreiten."

Nie zuvor hatte ein Land so lange und zäh mit den Industrienationen dieser Erde gepokert, ehe es seinen Markt öffnete. Jahrelang schienen die Gespräche in der Sackgasse zu stecken. Pekings offiziell noch kommunistische Führung hatte Angst, dass die unerfahrenen Staatsunternehmen und jungen Privatfirmen von den internationalen Großkonzernen überrollt werden. Der Westen zögerte, weil man eine Überschwemmung der Märkte mit chinesischen Billigwaren fürchtete. In unzähligen Verhandlungsrunden mit den USA und Europa wurden über Einfuhrzölle und Übergangsfristen gestritten. Im November vergangenen Jahres kam schließlich der Durchbruch: In den bilateralen Verhandlungen mit Washington sicherte Peking eine weitreichende Senkung der Zölle und den Abbau von Handelsbarrieren zu. Im Mai dieses Jahres kam die Einigung mit der EU. Am nächsten Dienstag wird der US-Senat China den permanenten Meistbegünstigtenstatus als Handelspartner zusichern. Die letzte große Hürde zum Beitritt ist damit beseitigt.

Dabei geht es für China um mehr als nur den Handel. Für die 1,3 Milliarden Einwohner ist es der größte Reformschritt seit 1978. Damals hatte Mao-Nachfolger Deng Xiaoping mit dem Spruch "Reich werden ist ehrenhaft" das Ende der Planwirtschaft eingeleitet. Fortan durften Chinesen mehr oder weniger frei handeln und kleine Firmen gründen. Mit dem WTO-Beitritt lässt Peking nun endgültig den Kapitalismus ins Land: vom Bankgewerbe über die Computerindustrie bis zur Agrarwirtschaft - kaum eine Branche bleibt unberührt. Prognostiker erwarten, dass die Investitionen ausländischer Unternehmen bis 2005 auf 100 Milliarden Dollar (mehr als 220 Milliarden Mark) steigen. Die Einkommen in den Städten sollen im gleichen Zeitraum um 4,6 Prozent zulegen. Bis 2010, schätzt der Staatsrat, wird die Wirtschaft um mehr als 34 Prozent wachsen. Allein in der Textilindustrie sollen in den fünf Jahren nach dem WTO-Beitritt fünf Millionen neue Arbeitsplätze entstehen. Ein "Jahrhundertdeal", jubeln die Staatszeitungen.

Was die Propagandamedien kaum berichten: China zahlt für seinen Sprung in den freien Markt einen hohen Preis. Während es den Menschen in den Städten und in Industriegebieten entlang der südlichen Küste deutlich besser gehen wird, stehen mehr als 800 Millionen Bauern und Landarbeiter auf der Verliererseite. Mit dem WTO-Beitritt werden die Zölle für importierte landwirtschaftliche Produkte drastisch fallen. Statt Tomaten aus Shandong und Reis aus Sichuan werden Chinesen in Zukunft auch Lebensmittel aus Illinois und Thailand in ihren Supermärkten finden.

Viele Kleinbauern werden gegen die übermächtige Konkurrenz aus dem Ausland nicht ankommen. Im Vergleich zu westlichen Standards arbeitet Chinas Landwirtschaft unproduktiv. Amerikanische Felder sind durchschnittlich 14 Mal größer als chinesische, ein europäischer Bauern beackert immerhin die fünffache Fläche. Die Herstellungskosten liegen um rund 30 Prozent über den Weltmarktpreisen - Sojaöl aus China kostet beispielsweise 50 Prozent mehr als amerikanisches.

Schon heute sind 200 Millionen Arbeitskräfte auf dem Land eigentlich überflüssig. 50 Millionen Bauern leben unter dem Existenzminimum von 120 Mark im Jahr. Mindestens neun Millionen Bauern und Landarbeitern droht nach der Öffnung der Handelsschranken die Arbeitslosigkeit. "Wenn die Bauern keine Arbeit in den Städten finden und auch kein Land haben, zu dem sie zurückkehren können, wird es die Gefahr von sozialen Unruhen geben", warnt der Pekinger Wirtschaftsexperte An Deqiang.

Bienenzüchter Chen weiß, dass die Konkurrenz ihm das Leben schwer machen wird. Mit seiner Frau, Sohn und Schwiegertochter betreut er insgesamt 132 Bienenstöcke. "In Europa kann ein einziger Züchter 500 Stöcke unterhalten. Das ist natürlich effektiver", weiß der 57jährige.

Den Sommer hat die Familie ihre Zelte am Ewigkeitsfluss in der Provinz Hebei aufgeschlagen. In ein paar Wochen packen sie ihre Bienenkisten auf einen gemieteten Lastwagen und ziehen weiter in die Innere Mongolei. Im Winter gehen sie zurück in ihre Heimatprovinz Zhejiang. Den Honig verkaufen sie unterwegs an staatliche Abnahmestellen. 2,7 Yuan - rund 70 Pfennig - bekommen sie für das Pfund. "Natürlich mache ich mir Gedanken über die Zukunft", sagt der Sohn Chen Jianping, während er mit einem Holzstift den Königsgelee aus den Waben pult. Die Bienenzüchter im Westen seien moderner ausgerüstet und besser organisiert. "Aber bei uns sind die Arbeitskräfte billiger."

Die Gewinner der Reformen sitzen in den Städten. Weil der Staat in der Vergangenheit praktisch alle wichtigen Wirtschaftszweige durch Schutzzölle und staatliche Quotenregelungen geschützt hat, mussten Chinesen bislang für vergleichsweise schlechte Qualität und Service viel Geld zahlen. Ein Beispiel ist die Autoindustrie. Ein im nordchinesischen Changchun produzierter Audi A6 kostet 50 000 Mark mehr als in Deutschland. Das entspricht einem Aufschlag sind 70 Prozent auf den Weltmarktpreis. Der Grund sind Korruption und die in China übliche Einmischung der Regierungskader in unternehmerische Entscheidungen. Dabei ist die Qualität bei manchen Autoherstellern so schlecht, dass fabrikneue Wagen manchmal schon nach wenigen Wochen in die Werkstatt müssen.

Mit dem WTO-Beitritt soll sich das alles ändern: Bis 2006 werden die Importzölle für Autos auf 25 Prozent sinken.Vor allem japanische Hersteller rechnen mit mit gewaltigen Absatzmöglichkeiten. Auch in anderen Branchen reibt man sich die Hände. Amerikanische Filmstudios, die bislang nur zehn Kinofilme nach China exportieren durften, planen Multiplexkinos. "Wir werden endlich all dass haben, was es in Europa und den USA auch gibt", sagt die Pekinger Künstlerin Hai Chen.

Bei deutschen Unternehmen, von denen viele seit Jahren auf ihre Chance in China warten, herrscht Optimismus. "Das WTO-Abkommen wird sich positiv auf unser Geschäft auswirken", ist sich Erich Binckli, Manager des Chemieriesen BASF, sicher. "Der Beitritt ist für China ein Bekenntnis der Öffnung zur Weltwirtschaft", sagt Ernst Behrens vom Elektrokonzern Siemens, der in den vergangenen Jahren mehr als 40 Unternehmen und Joint Venture in China aufgebaut hat.

Vor allem im Bank- und im Versicherungsmarkt, der bislang streng vor ausländischer Konkurrenz abgeschottet war, hoffen die Europäer auf ertragreiche Geschäfte. Allerdings sind auch skeptische Stimmen zu hören. "Bei aller Euphorie - der Teufel steckt im Detail und in der Umsetzungen der Bestimmungen", sagt Urs Buchmann von dem Schweizer Finanzmulti Credit Swiss. Fraglich ist vor allem, wie schnell Peking das komplizierte WTO-Regelwerk in die Praxis umsetzt. Die konservativen Kräfte in der chinesischen Führung und Verwaltung, von denen viele das Abkommen als einen Ausverkauf nationaler Interessen kritisieren, werden versuchen zu bremsen.

Der Grund dafür ist Chinas marode Staatswirtschaft. Die öffentlichen Unternehmen beschäftigen noch immer zwei Drittel aller Angestellten im Land. Zahllose Reformversuche der Regierung, die ehemaligen Kombinate und Volksbetriebe flott für den Wettbewerb zu machen, sind bislang gescheitert. "Die Kosten werden durch die Arbeitslosigkeit definiert", sagt der Forscher Hu Angang von der Akademie der Sozialwissenschaften. Mit dem WTO-Pakt werde "die Zahl der Menschen ohne Arbeit deutlich steigen". Nach einer Schätzung der Weltbank ist schon heute mindestens ein Drittel der 140 Millionen staatlichen Arbeiter überflüssig. Zwischen 16 und 18 Millionen Chinesen in den Städten sind arbeitslos. Um keine sozialen Unruhen zu provozieren, schreckte Peking bisher jedoch vor Entlassungen zurück. In Nordprovinzen, wo Mao Tse-tung einst riesige Kohle- und Stahlkombinate nach sowjetischen Vorbild aus dem Boden stampfen ließ, droht die Verarmung ganzer Landstriche. Die Stimmung ist explosiv: Im Februar lieferten sich in Yangjiazhangzi 20 000 unzufriedene Arbeiter Straßenschlachten mit der Polizei und Soldaten.

Ganz anders klingt es im Süden und an der Küsten. Dort sind in den vergangenen Jahren riesige neue Industrieparks entstanden, die nach dem WTO-Beitritt noch größer werden sollen.

"Natürlich wird die Konkurrenz stärker, aber davor haben wir keine Angst", sagt Zhang Ruimin. Der Manager des Elektrogeräteherstellers Haier. Zhang hat innerhalb von 15 Jahren die fast bankrotte Staatsfirma in der Hafenstadt Qingdao zu einem der erfolgreichsten chinesischen Unternehmen aufgbaut. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz auf 26,8 Milliarden Renminbi (gut sieben Milliarden Mark). In den hochmodernen Fabrikhallen erinnert heute nur noch wenig an die Anfangsjahre, als er den Arbeitern erklären musste, dass sie in der Produktionshalle "nicht auf den Boden urinieren sollen". Der 51-jährige Zhang, der wie viele seiner Generation wegen der Kulturrevolution nicht zur Universität konnte, schwört auf unorthodoxe Managementmethoden: Um den Bruch mit der Vergangenheit zu symbolisieren, ließ er als erstes 76 alte Kühlschränke auf einen Parkplatz stellen. Mit Holzknüppeln duften sie die Angestellten kaputtschlagen.

Heute exportiert Haier Klimaanlagen und Kühlschränke in die ganze Welt, vor kurzen wurde eine neue Fabrik im US-Bundesstaat South Carolina eröffnet. "China muss wegkommen von seinem Image als Billiganbieter", sagt Zhang. Seine hochwertigen Geräte verkauft er bewusst mit dem Etikett "Made in China" und unter dem eigenen Markennamen. "Unser Ziel ist es, eine chinesische Weltmarke aufzubauen", meint der ehrgeizige Manager.

Andere Konsumgüterhersteller, wie die Computerfirma Legend und der Fernsehriese Konka, dessen Flachbildschirme in den USA und Asien großen Absatz finden, gehen den gleichen Weg. Im Gegensatz zu den eingesessenen Großkonzernen aus Übersee sind die jungen chinesischen Herausforderer flexibel und schnell. Mit dem riesigen Heimatmarkt, auf dem sie ihre Produkte ständig weiterentwickeln, als Basis wollen sie nach dem WTO-Beitritt nun auch international den Durchbruch schaffen.

"Unsere große Herausforderung ist nicht, dass wir rückständig sind", verkündet Zhang Ruimin selbstbewusst, "sondern, dass wir Angst vor unserer eigenen Stärke haben."

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2000
Dokument erstellt am 15.09.2000 um 21:04:42 Uhr
Erscheinungsdatum 16.09.2000

 

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