Probleme der Landwirtschaft in China

Studie: Wasserknappheit verteuert Getreide weltweit
WASHINGTON (epd). Wegen Wasserknappheit in China müssen Konsumenten weltweit mit steigenden Getreidepreisen rechnen, glaubt das amerikanische Worldwatch-Institut. Der Grundwasserspiegel im Norden des Landes falle im Schnitt um 1,5 Meter im Jahr. Offensichtlich, vermuten die Experten, wolle die Regierung in Peking zurückgehende Ernteerträge hinnehmen und sie mit Einkäufen auf dem Weltmarkt ausgleichen. Die höhere Nachfrage treibe die Preise in die Höhe.
Im Norden Chinas liegen nach Worldwatch-Angaben zwei Drittel der Getreidefelder. Schon jetzt trockneten Brunnen und Flüsse aus. In China würden 70 Prozent des Getreides auf künstlich bewässerten äckern angebaut. Bevölkerungswachstum und industrielle Produktion verknappten das notwendige Nass. Auch in den Städten gebe es Probleme. In Peking sei der Grundwasserspiegel im vergangenen Jahr um 2,5 und seit 1965 um 59 Meter gefallen. Die Regierung spiele mit dem Gedanken, Wasserpreise zu erhöhen, um den Verbrauch zu drosseln. Aber gerade in den Städten sei das “politisch riskant”. Mit seinen Handelsüberschüssen könnte China Getreidekäufe auf dem Weltmarkt finanzieren. Ein Dutzend anderer Länder, darunter Indien, Pakistan, müsse wegen Wassermangel mehr Getreide kaufen.
[FRANKFURTER RUNDSCHAU, 4.5.2000]

 

Die Wüste beginnt gleich hinter Peking
Dürre im Norden, Hochwasser im Süden - China leidet unter Folgen des Wachstums
Von Harald Maass (Peking)
Wer Peking mit dem Auto Richtung Norden verläßt, dem öffnet sich eine liebliche Landschaft. Entlang der Großen Mauer schmiegen sich grüne Nadelwälder; Seen und Flüsse laden zum Baden und Angeln ein. Hier, in den Landschaften um den Miyun-Stausee, ist Pekings Naherholungsgebiet. Fährt man jedoch ein paar Kilometer weiter, wird die Aussicht rasch trist: Die Bergkuppen sind abgeholzt, die Flüsse ausgetrocknet, der Boden versandet. Hier beginnt Chinas Wüste.
Jeden Tag kriecht die Wüste ein Stücken näher an Peking. 2460 Quadratkilometer fruchtbares Land versanden jedes Jahr in China - das meiste im trockenen Norden. Ackerböden versteppen, Wälder sterben ab, Wasserreservoirs und Flüsse trocknen aus - für die Menschen in den betroffenen Landkreisen, die meist vom Ackerbau leben, bedeutet dies, dass sie mit ihren Familien in wasserreiche Gebiete weiterziehen müssen.
Wassermangel, Dürre und Verwüstung bereitet Chinas Regierung zunehmend Kopfschmerzen. Mehr als 35 Millionen Chinesen leben mittlerweile in Gebieten ständiger Wasserknappheit, rund 100 Städte müssen ihren Wasserverbrauch durch Kontrollen oder Verbrauchskontingente einschränken. In manchen Landstrichen ist Wasser mittlerweile so begehrt, dass die Verteilung zu Streit und Aufständen führt. Im Kreis Puding starben vor kurzem sechs Bauern bei Auseinandersetzungen mit der lokalen Regierung. Die Behörden wollten Wasser aus einem Reservoir an ein neues Stromkraftwerk ableiten.
Schuld an dem Wassermangel hat - zumindest zum Teil - das Wetter. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Niederschläge in Nordchina stetig verringert, in manchen Gebieten regnete es dieses Jahr 80 Prozent weniger als notwenig. Die Hauptschuld für die Austrocknung der Böden tragen aber die Chinesen wohl selbst. Im Wirtschaftsboom der vergangenen zwanzig Jahre wurden riesige Waldflächen kahlgeschlagen. Nur noch 14 Prozent des Landes, vor allem die entlegenen Provinzen am Fuße des Himalajas, sind bewaldet. In Ballungsgebieten wie Peking, Shanghai oder Kanton steht dagegen kaum noch ein Baum, der den ausgemergelten Boden zusammenhalten könnte.
Ein großer Teil des noch vorhandenen Wassers ist zudem durch Umweltverschmutzung unbrauchbar geworden. Viele Fabriken und Gemeinden leiten in China ihre Abfälle ungeklärt in Flüsse und Seen. Das Grasland wird übergeweidet, Schutzwälder zu Feuerholz zerhackt.
Trotz der Ein-Kind-Politik stieg die Bevölkerung so stark an, dass immer mehr Naturgebiete besiedelt wurden. "Die Entwicklung ging meistens auf die Kosten der Umwelt", kritisiert die China Daily.
Als Ergebnis hat China heute ein doppeltes Wasserproblem. Während im Süden, jenseits des Jangtse, jeden Sommer Hochwasser und überschwemmte Flüsse Mensch und Ackerflächen wegspülen, leidet der Norden zunehmend unter der Wasserknappheit. Der offiziellen Statistik nach wird dieses Jahr die Sommerernte wegen der Dürre um 9,3 Prozent geringer ausfallen. Der Gelbe Fluss, der in den siebziger Jahren zum ersten Mal Wassermangel meldete, ist mittlerweile regelmäßig im Frühsommer an einigen Stellen ausgetrocknet und nicht mehr schiffbar.
In Peking ist sich die Regierung über die Folgen des Wasserproblems bewusst. Über die Lösung wird jedoch noch diskutiert: Während jüngere Kader ein grundsätzliches Umdenken zu mehr Umweltschutz fordern und staatliche Aufforstungsprogramme unterstützen, haben andere einen verstaubten Plan des Großen Vorsitzenden Mao wieder aus dem Schreibtisch gezogen. Mittels eines riesigen Nord-Süd-Kanals soll demnach in den nächsten Jahren Wasser aus Flutgebieten des Jangtse in den Norden umgeleitet werde. Vom "größten und wichtigsten Bauvorhaben" schwärmt der Minister für Wasserwirtschaft, Wang Shucheng, der den Kanal bis 2005 bauen will. Andere, wie der Meteorologieprofessor Zhang Jiacheng, fürchten dagegen, dass der Kanal das Gleichwicht der Natur völlig aus dem Lot bringen wird. "Um die Wassernot im Norden zu lösen, sollten wir lieber die ökologische Landwirtschaft stärken", fordert Zhang.
[Quelle: FRANKFURTER RUNDSCHAU, 28.9.2000, S. 39]

© Hans-Peter Hein


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