Hamburger Abendblatt


Reise

Shanghai vom Wasser aus entdecken
Hafenrundfahrt: Die chinesiche Küstenmetropole, eine Partnerstadt Hamburgs, lebt im Kontrast von Tradition und Moderne.

Von Klaus Sieg

Shanghai - An Shanghais Prachtstraße, dem Bund, muss man einmal flaniert sein. Um scharf gewürzte Fleischspieße zu knabbern, den angenehm kühlen Wind zu genießen, der über das Wasser des Huangpu hinüberweht, und die beeindruckende Skyline von Pudong zu bewundern. Doch die wenigsten wissen, dass von hier auch ein kleiner Dampfer zur Rundfahrt durch den Hafen der Hamburger Partnerstadt ablegt - immerhin Chinas "Tor zur Welt". Nur zweimal am Tag startet das Schiff zu einem dreistündigen Törn, den Huangpu River hinunter, an dem sich der Hafen über zehn Kilometer entlang zieht.

An Bord geht es mondän zu. Die Fahrt kostet umgerechnet knapp neun Euro, dafür muss ein einfacher Arbeiter in China drei Tage arbeiten. Im Salon der teuersten Klasse liegt Parkett aus Tropenholz. Auf den blauen Ledersesseln entspannen sich überwiegend besser verdienende Chinesen. Sie schlürfen grünen Tee, tragen Designeranzüge und spielen mit ihren neuesten Handymodellen. Nur selten wird ein Blick aus dem Fenster geworfen. In Shanghai leben die meisten Neureichen Chinas, das durchschnittliche Einkommen ist fünfmal so hoch wie auf dem Land.

"Da hinten über dem Epson-Schild liegt im 18. Stock mein Büro, der Ausblick ist fantastisch", erklärt ein deutscher Geschäftsmann seinen Besuchern. Der Wind an Deck zersaust sein Haar. "Der Uhrenturm dort erinnert an die St. Pauli Landungsbrücken", entgegnet einer seiner Gäste und meint das Seezollamt, eines der prächtigsten Häuser im Tudor Stil, die der Bund zu bieten hat. Bis zu fünfzehn Stockwerke hoch ragen hier die klassizistischen Kolonialbauten in den Himmel - gut erhaltene Zeugen einer Zeit, in der Briten, Franzosen und Amerikaner die Stadt unter sich aufgeteilt hatten, um über den Hafen Opium, Tee und Seide zu verschiffen.

Auf der anderen Seite des Huangpu, in Pudong, hat China sich selbst verwirklicht. In wenigen Jahren wurde ein Businessviertel aus dem Boden gestampft, das seinesgleichen sucht. Weit hinten verschwindet das Meer von Hochhäusern im Dunst.

Vor den Glitzertürmen Pudongs wimmelt es im Wasser des Huangpu von Schuten, flachen Schleppfahrzeugen, die meist eine Schlange von bis zu zwölf dschunkenartigen Lastkähnen hinter sich her ziehen. Sie sind beladen mit Schutt, Sand, Baumstämmen oder Kohle. Hinten an Deck der Schuten knattern und sprotzen offene Motoren. Aus wackeligen Auspuffrohren stoßen sie dichten, schwarzen Qualm in den Himmel. Offene Keilriemen rattern an ölschwarzen Motorblöcken, aus deren Dichtungen weißer Rauch quillt. Einige dieser Ungetüme werden von Frauen gesteuert. Sie stehen mit stolzgeschwellter Brust und ernstem Blick hinter dem großen Steuerrad aus Holz, das aussieht, als hätte es gestern noch auf einem alten Windjammer gedient. Am Heck flattert die obligate rote Fahne.

Shanghai hat vielleicht das modernste Business-Viertel der Welt. Im Hafen aber ticken die Uhren anders: Auf verfallenen Kaianlagen werden Fässer per Hand auf klapprige Lkw gerollt. An veralteten Kränen quietschen verrostete Winschen. Ein Großteil des Gütertransports über den Fluss wird von kleinen Fähren bewältigt. Stückgutfrachter liegen vertäut an gewaltigen Festmachertonnen in der Mitte des Stroms und warten auf ihre Abfertigung. Viele kleine Werften säumen das Ufer. Männer klopfen auf den Schwimmdocks Rost. Ihre Arbeitsgeräusche entwickeln einen eigenen Rhythmus, der an eine Steelband erinnert. Es riecht nach Diesel, Wasser, Farbe.

Der Wind nimmt zu und kündigt das Yangtse-Delta an. Der Huangpu endet im Delta des langen Flusses, der fast das ganze Reich der Mitte durchzieht. Gemeinsam münden die beiden Flüsse ins Ostchinesische Meer. Im Delta herrscht reger Schiffsverkehr. Am Horizont flimmern die Umrisse von Containerriesen. Sie liegen an langen Reihen von Schwimmkränen, die aussehen wie Störche, die auf einem Bein stehen. Über vier Millionen Standardcontainer wurden hier vergangenes Jahr umgeschlagen, ein Zuwachs von fast zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Vergleich mit den achtzehn Millionen Containern, die pro Jahr durch den Hafen von Hongkong gehen, sind das aber bescheidene Zahlen.

Große Schiffe können den Huangpu mit seiner Wassertiefe von 7,50 Metern nicht befahren. Ihre Fracht muss an der Yangtse-Mündung auf Feeder umgeladen werden. Die kleinen Containerschiffe bringen sie in den Hafen von Shanghai. Eine zeitraubende Abwicklung. Shanghai baut deshalb einen Tiefwasserhafen auf einer künstlichen Insel vor der Yangtse-Mündung. Schon 2005 sollen hier zehn Millionen Container umgeschlagen werden. Nach dem neuen Airport von Pudong und dem Transrapid ein weiteres gigantisches Großprojekt.

Unser Ausflugsdampfer dreht in der breiten Flussmündung. Auf der Rückfahrt färbt sich der Himmel hinter der imposanten Yangpu-Bridge rot. Das verschönert den Dunst, durch den der dichte Autoverkehr zwischen dem alten Stadtzentrum und Pudong über die Hängebrücke kriecht. Links funkeln der neue Fernsehturm und der Jin Mao Tower. Das aluminiumgezackte Wahrzeichen der chinesischen Moderne ist mit 420 Metern das dritthöchste Gebäude der Welt.

Im Salon wartet ein taubstummer Steinstempel-Künstler auf Souvenir-Jäger. Er ritzt und feilt chinesische Tierkreiszeichen in einen Steinquader. Um mit seinen potenziellen Kunden zu kommunizieren, hat er Kärtchen vor sich liegen. Die erste eröffnet mit der Frage nach der Herkunft. Die nächste begrüßt den Gast in seiner Landessprache. Wer im neuen China überleben will, muss sich etwas einfallen lassen. Als das Schiff wieder am Bund anlegt, deckt der junge Mann seine letzte Karte auf: "Vielen Dank und auf Wiedersehen."

erschienen am 27. Dez 2003 in Reise