Untergang am Langen Fluss

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Der Drei-Schluchten-Staudamm schließt seine Schleusen, viele tausend Chinesen müssen ihre Häuser verlassen
Von Harald Maass (Fengdu)

Es regnet im Flusstal. Die dicken Tropfen rauschen in den Blättern der Bäume, trommeln auf den staubigen Boden. Von den steilen Berghängen rinnt das Wasser das Tal hinab. Kleine Bäche bilden sich, strömen über den Asphalt der leeren Straßen von Fengdu. Das Wasser rinnt über den Schutt eingerissener Häuser, in dem Arbeiter mit kleinen Schaufeln Eisenreste und Backsteine ausgraben. Über die Steintreppen, auf denen Familien ihre Habseligkeiten abtransportieren. Das braune Wasser des Jangtse schwappt gegen die Kaimauer. Es klingt wie eine Mahnung. In wenigen Tagen wird Fengdu, fast 2000 Jahre an diesem Ufer gelegen, mit einem Dutzend anderer Städte in Fluten versinken.
Schuld daran ist der “daba”, der “Große Damm”, wie ihn die Menschen entlang des Jangtse nennen. Nach fast einem Jahrzehnt Bauzeit schließt der Drei-Schluchten-Staudamm, das größte Wasserbauprojekt in der Geschichte der Menschheit, am Sonntag zum ersten Mal die Schleusen. Zwei Wochen lang steigt dann der Flusspegel an. In den vergangenen Wochen machten die Ingenieure eine Testflutung. Damit erhöhte sich der Wasserspiegel um zehn Meter. Bald versinken die alten Hafenanlagen in dem Stausee, werden die niedrig liegenden Häuser und Fabrikanlagen überschwemmt. Am Ende soll sich ein 400 Kilometer langer und mehr als 100 Meter tiefer Stausee durch das Jangtse-Tal erstrecken. Mit den Städten verschwindet ein Teil der Felsenberge der “Drei Schluchten”, deren schroffe Schönheit Chinas Dichter besingen.
Du Yanyong lehnt sich in den Sessel zurück und blickt über die Schneise aus Geröll und Steinen, die sich von seinem Haus bis zum Flussufer erstreckt. “Dort lag die Altstadt”, sagt er. Die Szene erinnert an Fotos von ausgebombten Städten aus dem Zweiten Weltkrieg. Eine Wüste aus Backsteinen und Betonschutt ist zu sehen. Der einzige Farbtupfer ist ein Markierungsstein, auf dem mit roter Farbe die Zahl 135 gemalt ist. Bis zu dieser Höhe soll das Wasser steigen. Im Jahr 2009, wenn der Bau des Drei-Schluchten-Staudamms fertig ist, soll der Pegel des Stausees bei 175 Meter liegen. “Dann wird hier alles überschwemmt sein”, sagt Du.
“Guicheng” nennen die Chinesen Fengdu, “die Geisterstadt”. Es ist der Ort, an dem die Seelen der Verstorbenen ihre letzte Ruhestätte haben, heißt es im chinesischen Aberglauben. Früher lebten hier mehr als 50 000 Menschen, heute ist Fengdu wirklich eine Geisterstadt. Im Oktober mussten die meisten Bewohner den Ort verlassen. Für Touristen stellte die Stadtverwaltung Schilder auf. “Wir reißen die Stadt mit den Jahrtausenden alten Gebäuden ab. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten!” Die wenigen Häuser auf einer Anhöhe, die noch stehen, sind meist verlassen. Fenster und Türen sind aus den Gebäuden herausgebrochen. In manchen Häusern leben noch Alte, die sich nicht so leicht von Vergangenheit und Geschichte trennen wollen. Und die Prostituierten, die mit den Männern von den Abbruchkolonnen gute Geschäfte machen. Unter rotem Neonlicht sitzen Mädchen in den Eingängen und rufen Passanten nach.
Du Yanyong ist mit seiner Familie geblieben, um Geschäfte zu machen. Aus dem Erdgeschoss eines Hauses, über dessen Eingang ein verbeultes Schild mit der Aufschrift “Bank of China” hängt, verkaufen sie gebrauchte Möbel. “Eigentlich müssten wir längst in der Neustadt wohnen”, sagt Du und deutet auf die Berge am anderen Ufer des Flusses: Dort entstand in den vergangenen Jahren in ausreichender Höhe über der künftigen Wasserlinie “das Neue Fengdu”. Von dem Entschädigungsgeld, das sie von den Behörden für die alte Wohnung erhielten, haben sie sich dort ein Apartment gekauft. Doch die Familie hat es nicht eilig. Der Charme des alten Fengdu ist unversehrt, auch wenn es zwischen den Häusern merkwürdig still ist. Im Schatten der Bäume verkaufen Händlerinnen “Qian bing”, gebratene Teigtaschen. Ein altes Ehepaar spaziert im Pyjama durch die Gassen.
“Chang Jiang” wird der Jangtse in China genannt - “der Lange Fluss”. Von den schneebedeckten Gipfeln des Himalaja erstreckt sich der Strom über 6300 Kilometer durch das Land. Für 400 Millionen Menschen ist er Segen und Fluch zugleich. Der Fluss ist die Lebensader von Zentralchina. Von den Minderheiten in der Provinz Yunnan bis zu den Reisbauern in Zhejiang versorgt der drittlängste Fluss der Erde die Menschen mit Wasser. Für Millionenstädte wie Wuhan und Chongqing ist er ein wichtiger Transportweg. “Fluss des Himmels” nannte ihn der Dichter Du Fu vor 1200 Jahren. Doch der Jangtse ist auch eine ständige Bedrohung. Alle paar Jahre tritt er über seine Ufer, zerstört er Felder und Häuser. 1935 und 1954 starben mehr als 170 000 Menschen entlang des Jangtse im Hochwasser. Die letzte große Überschwemmung ereignete sich 1998, mehr als 3600 Menschen starben.
Chinas Mächtige träumten schon lange davon, den Jangtse mit einem Staudamm zu bändigen. Sun Yatsen, Gründer des modernen China, schwärmte 1919 von einem “Drei Schluchten Staudamm”. Später begeisterte sich der “Große Steuermann” Mao Zedong an der Idee: Nach einem Bad im Jangtse verfasste er ein Gedicht über “das Wunder von Menschenhand”. Doch erst Ministerpräsident Li Peng setzte die Pläne um. Der in Stalins Sowjetunion ausgebildete Ingenieur nutzte die Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989, um die Kritiker des Projekts mundtot zu machen. 1992 wurde das Projekt in den Zehnjahresplan aufgenommen, ein Jahr später begannen die Bauarbeiten.
Lastwagen wühlen sich durch die Erde. Baukräne drehen ihre Lasten über das nebelverhangene Tal. In Sandouping, einem ehemals kleinen Flussdorf, ist diese Baustelle des Staudamms. Ein Bus fährt die Besucher über das riesige Gelände. “Das ist das Schiffshebewerk”, erklärt der Fahrer und deutet auf eine Betonschüssel. Das Ausmaß des Projekts lässt sich beim Betrachten kaum erfassen. Von der Aussichtsplattform am Nordufer sieht der Staudamm wie ein großer Betonschlauch aus, der irgendwo im Flussnebel verschwindet. Zahlen machen die Gigantonomie deutlich: 185 Meter hoch und zwei Kilometer lang wird der Damm bei seiner endgültigen Fertigstellung 2009 sein. Um die bis zu 100 Meter dicke Mauer zu errichten, wurden 27 Millionen Tonnen Zement und 281 000 Tonnen Eisenkonstruktion verbaut. Mehr als 100 Millionen Kubikmeter Erde und Felsen wurden bewegt. Bis zu 20 000 Arbeiter waren auf der Baustelle im Einsatz. Offizielle Kosten: 180 Milliarden Yuan, 18,75 Milliarden Euro. Chinas Führung rechtfertigt den Aufwand mit wirtschaftlichen Vorteilen. Noch in diesem Jahr sollen die ersten beiden der 26 Stromgeneratoren ans Netz gehen. Im Vollbetrieb soll der Staudamm 18,2 Millionen Kilowatt Strom produzieren können, so viel wie ein Dutzend kleinerer Atomkraftwerke. Die Metropole Chongqing, mehr als 1000 Kilometer von der Küste entfernt, wird zum Hochseehafen. Bis zu 10 000 Tonnen schwere Frachtschiffe sollen künftig den Jangtse passieren können. Den Höhenunterschied von 115 Metern an der Staumauer überwinden sie mit Hilfe von zwei fünfstufigen Schiffshebewerken. Der Staudamm werde Zentralchina zum Aufschwung verhelfen und “Millionen neuer Arbeitsplätze schaffen”, sagen die Baumeister. Sie sehen bereits Fabriken entlang des Stausees, die ihre Produkte per Schiff exportieren können. Zusammen mit dem Dammbau wurden neue Städte gebaut, Straßen und Flughäfen errichtet.
Eine aufgeblasene Donald-Duck-Figur begrüßt die Besucher des Kaufhauses im “Neuen Fengdu”. Der Neubau der Stadtverwaltung erinnert mit seinem Barockstil an ein französisches Schloss. Pekings Zentralregierung pumpte Milliardenbeträge in das Jangtse-Tal. Die lokalen Kader nutzten die Gelegenheit. Mit den Staatsmitteln wurden Luxushotels wie das “Huadu Hotel” in Fengdu gebaut. Im neuen Wanxian, einer Stadt mit mehreren Zehntausend Einwohnern, errichteten sich die Stadtväter einen Verwaltungspalast mit einem römischen Torbogen davor. Im neuen Fengjie stehen neugebaute Wohnklötze so nah am steilen Hang, dass nach Regenfällen die Fundamente sichtbar werden.
Zwischen 1,2 und zwei Millionen Menschen müssen für das Drei-Schluchten-Projekt umgesiedelt werden. 600 000 haben bereits ihre alte Heimat verlassen. Nie zuvor mussten so viele Menschen einem einzigen Bauwerk weichen. Offiziell wurde die Entschädigung der Menschen penibel geregelt: Für jeden Orangenbaum oder Brunnen sollten Bauern 45 Yuan erhalten. 180 Yuan für ein Familiengrab und 36 Yuan für einen Schweinestall. Für Häuser und Land wurden von Peking je nach Lage mehrere Zehntausend Yuan veranschlagt. Ein Großteil des Geldes kam nie bei den Empfängern an. Im Frühjahr 2000 wurde der Direktor des Bauamts von Fengdu, Wang Sumei, zum Tode verurteilt, nachdem er zwölf Millionen Yuan unterschlagen hatte. Gleichzeitig flogen drei Mitarbeiter im Büro zur Landvergabe auf: Sie hatten Umsiedlungsmittel auf private Konten verschoben.
Der Drei-Schluchten-Staudamm war früher das am meisten umstrittene Projekt Chinas. In den Achtzigern protestierten Wissenschaftler und Intellektuelle gegen den Mammutdamm. Die Gegner führten technische Argumente ins Feld. Der Jangtse schwemmt jährlich 680 Millionen Tonnen Schlamm und Geröll ins Tal - so viel wie Nil, Mississippi und Amazonas zusammen. Innerhalb weniger Jahre könnte der Stausee verschlammen. Sie wiesen auf die fatalen Folgen früherer Massenumsiedlungen hin, bei denen viele Menschen in der Armut landeten. Im Mai nahmen die Behörden in Peking eine Gruppe von Bauern fest, die gegen ihre Umsiedlung protestieren wollten. Sie gehörten zu den Tausenden, die unter dem Druck der Regierung in andere Provinzen auswandern müssen.
“Der Drei-Schluchten-Staudamm ist ein politisches Projekt”, sagt Dai Qing. Die Pekinger Journalistin veröffentlichte 1989 das Buch “Jangtse! Jangtse!”, in dem führende Wissenschaftler vor dem Bau warnen. “Die Argumente gegen den Damm sind noch immer gültig”, sagt Dai Qing. Sie fordert, dass die Regierung die Schleusen offen lässt, das Projekt abbricht. Dai Qing saß für ihr Engagement zehn Monate im Gefängnis und darf bis heute nicht veröffentlichen. Viele ihrer Mitstreiter gaben inzwischen auf. Die Kontroverse um den Damm habe dennoch etwas bewegt, glaubt Dai Qing. In den Staatsmedien tauchen häufiger Artikel auf, die über Umweltzerstörung und Korruptionsfälle am Staudamm berichten. Das Bewusstsein für den Naturschutz ist gewachsen. Doch das Problem bleibe das System, in dem wenige Führer Entscheidungen treffen.
Abends in Wanxian, ein paar Bootsstunden flussabwärts von Fengdu. In den Straßen zwischen den Neubausiedlungen sitzen die Menschen auf Klappstühlen, essen gebratene Fleischspieße. Sie trinken Bier. Vor einem Jahr seien sie von der Altstadt in die neue Siedlung umgezogen, sagt ein Mann. Aus den Restaurants in der Straße ist Gelächter und Musik zu hören. Für einen Moment hat man das Gefühl, als ob die Stadt schon immer hier gewesen wäre.

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Dokument erstellt am 29.05.2003 um 18:56:15 Uhr
Erscheinungsdatum 30.05.2003