Megacitys für Millionen

Serie Teil 4: Landflucht macht China zur größten Baustelle der Welt. Die Verstädterung im Reich der Mitte zwingt die urbanen Zentren dazu, sich komplett neu zu erfinden. Sie reagieren auf den Ansturm von Millionen Bauern, die in der Stadt nach Arbeit suchen.

Von Melanie Wassink

Schanghai -

Wenn Schanghais betagte Bürger wissen wollen, ob sie vielleicht schon bald oder in ein paar Jahren umziehen müssen, gehen sie in die Urban Planning Exhibition Hall. Wie lange dürfen sie noch bleiben in ihrem alten Viertel voll mit Garküchen, mit alten Männern, die morgens die Vogelkäfige nach draußen hängen, und Nachbarn, die man ewig kennt? Wann wird ihr Leben hier ein Ende haben, wenn die Beamten das Zeichen "chai", "Abreißen", auf die Fassaden malen?

Die Regierung hat exakt geplant und zeigt hier ihren Bürgern, welche Gassen, durch die die Briten noch mit Pferden ritten, abgerissen werden. Welche Quartiere weichen müssen für Einkaufszentren, Wohnsiedlungen und neue Magistralen für die 20-Millionen-Metropole.

Im Ausstellungszentrum für Stadtentwicklung, selbst gebaut auf Boden, wo seit 1863 die Pferderennen abgehalten wurden, spielt das alte Schanghai nur eine Nebenrolle. Ein paar vergilbte Fotos zeigen das "Paris des Ostens". Das Schanghai der 30er-Jahre, mit den luxuriösen Grandhotels, den eleganten Boulevards und den sündigsten Klubs des Landes, die ganze Stadt eine einzige Opiumhöhle. Solche Bilder mögen die Touristen.

Die Chinesen blicken lieber in die Zukunft. Manche mit Sorge um das alte Leben, viele junge mit der Vorfreude auf neue, in alten Zeiten nie gekannte Chancen.

Sie blicken auf das größte Stadtmodell der Welt, auf ein Schanghai, das sich als Kopf des Drachens China sieht. Die Vision für eine Metropole mit dem ehrgeizigen und kühnen Plan, dereinst zum globalen Zentrum aufzusteigen, zeigt ein Meer an Wolkenkratzern. Die alten Bürger, die nach ihrer Heimat schauen, werden sie hier vergeblich suchen.

Schanghai macht sich bereit für neue Menschenmassen, die in seiner Glitzerwelt nach Glück und Wohlstand suchen: 25 Millionen Bauern drängen im Reich der Mitte Jahr für Jahr in die urbanen Zentren. 2020, so schätzen Immobilienexperten, werden mehr als zwei Drittel aller Chinesen in den Städten leben. Und dort baut man Millionen neuer Häuser: Inzwischen verschlingt China 40 Prozent der weltweiten Zementproduktion und zählt ein Viertel aller Baukräne der Welt auf seinen Baustellen.

Städte wie Schanghai erfinden sich im Sog dieser Völkerwanderung völlig neu: Praktisch das einzig Alte, das in Hamburgs Partnerstadt verschont wird, ist die berühmte Promenade, der "Bund" mit seinen Kolonialbauten, die im Vergleich mit den neuen Glaspalästen klein wie Legosteine wirken und doch so manchen Gast aus Europa fast dankbar seufzen lassen: Hier hat die Stadt noch eine Seele.

"Denkmalschutz ist in China noch ein ganz neues Thema", sagt Magdalene Weiss (41). Die Hamburgerin leitet das Architektenteam mit gut 30 Mitarbeitern im Schanghaier Büro von gmp (von Gerkan, Marg und Partner) und wünscht sich, dass die Bauwut der Chinesen wenigstens auch die French Concession verschont. Das Kolonialviertel stand einst unter französischem Einfluss, und noch heute weht europäisches Flair durch die schattigen Alleen mit alten Villen hinter hohen Mauern. Die Chinesen schätzen den Bezirk als Magnet für westliche Touristen, denken ansonsten aber lieber an ihre eigenen Geschäfte.

"Vielen chinesischen Bauherren kann es mit neuen Projekten gar nicht schnell genug gehen", hat Weiss nach mehrjähriger Arbeit in China erfahren. Ginge es nur nach den Investoren, müssten die Architekten ganze Planungsschritte weglassen, damit die Auftraggeber mit dem Einkaufscenter ein paar Monate eher Geld verdienen oder die neuen Büros etwas eher verkaufen können.

Als deutsche Architektin mit chinesischer Mentalität umzugehen, heißt aber nicht nur, den Turbo einzuschalten, sondern so manchem Bauherrn auch den Wunsch nach typisch deutschen Fachwerkhaussiedlungen oder griechischen Tempeln auf Hochhäusern auszuschlagen. "Europäische Architektur ist hier sehr beliebt", sagt Weiss schmunzelnd.

Weiteres Konfliktpotenzial bieten die Umsiedlungen. Die Hamburger Architekten von gmp, die mit der Lingang New Town in der Nähe von Schanghai auch eine völlig neue Stadt nach Hamburger Vorbild aus dem Boden stampfen, haben damit zwar nichts zu tun. "Das ist Sache der Investoren", sagt Weiss.

Dafür aber müssen sich immer wieder Menschenrechtsorganisationen um die Opfer von allzu geldgierigen Funktionären kümmern. Allein in Schanghai sind in den letzten Jahren schon zwei Millionen Menschen für Großprojekte umgesiedelt worden. Fast alle wohnten sie in der Stadtmitte, auf Bauland, das hier immer teurer wird und die Preise von Grundstücken in Hamburg schon oftmals überbietet. Der Regierung gehört hier aller Grund, sie verdient immens bei den Verkäufen. Doch die Entschädigungen für die ehemaligen Mieter sind häufig dürftig, sie haben keine Wahl als aus der Stadt zu ziehen. In bewohnte 30-stöckige Betonwände, scheibenweise aufgestellt in anonymen Pendlerghettos. Zwar haben sie hier eigene Toiletten und mehr Platz als in der City, wo jeder Chinese im Schnitt auf gerade 7,5 Quadratmeter Wohnraum kommt, doch das soziale Leben fehlt. Noch schlimmer sei es auf dem Land, sagt Ng Man-Yan, Vorstand der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Hier würden die Bewohner bei Industrieansiedlungen häufig ganz ohne Entschädigung aus ihren Häusern vertrieben. "Da herrscht nach wie vor ein eklatantes Machtungleichgewicht", kritisiert Ng, denn viele ungebildete Menschen auf dem Land seien sich ihrer Rechte gar nicht bewusst.

Mittlerweile könnten sich zwar auch die Bauern wehren, wenn sie Gewaltanwendung bei Zwangsabrissen etwa mit Fotohandys filmen und so den Druck auf die Regierung erhöhen, doch kämen bei solchen Protesten auch immer wieder Opfer von Umsiedlungen zu Tode.

Dennoch werden die Vertreibungen weitergehen. Es werden Kraftwerke gebraucht, und die Karottenfelder müssen weichen. Dabei streichen sich die Kader der Provinzregierungen häufig Bestechungsgelder ein, wenn sie das Land besonders günstig an die Investoren abgeben. Und dass die Bauwirtschaft mehr einbringt als ein Bauernhof, zeigen die Reichsten der Reichen in der Heimat Maos. Die mittlerweile 500 000 Dollarmillionäre Chinas sind in den allermeisten Fällen Immobilienmogule.

erschienen am 2. September 2006

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