Wie ein Kreisel

Brutaler Leistungsdruck macht den Schülern das Leben schwer. Die Kreativität bleibt auf der Strecke - das stört nun sogar die KP.
Wenn Liu Li, l6, morgens um halb sieben auf ihr Fahrrad steigt, ist die Welt nicht in Ordnung: Vor ihr liegt ein harter Arbeitstag, der erst spät abends enden wird.
Die Pekingerin, Tochter eines Diplomaten und einer Sprachlehrerin, ist Schülerin der oberen Mittelschule Nr. 2 im Oststadt- Bezirk. Heute stehen auf ihrem Stundenplan Englisch, Chemie, Geschichte und Computerlehre. Ab l6 Uhr besucht sie noch den Kurs für Modedesign. Gegen 18 Uhr radelt sie nach Hause.
Nach dem Abendessen schaut sie zur Entspannung kurz in die tägliche TV-Seifenoper, dann beginnt sie mit den Hausaufgaben. Steht ein Examen bevor, sitzt Liu bis tief in die Nacht am Schreibtisch. Jeden Sonntagvormittag nimmt sie in der Schule Nachhilfestunden. "Freizeit kenne ich nicht", sagt die Schülerin, die zu den Besten ihres Jahrgangs zählt, "für Disco oder Kino habe ich keine Zeit."
Wie Liu ergeht es Millionen chinesischer Kinder. Vorbei die Zeit, als Chinesen mit höherer Bildung als "stinkende Nummer Neun" verachtet wurden. Nachdem Chinas KP vor über 20 Jahren begann, die Gesellschaft zu reformieren und Jugendlichen nicht mehr die Jobs zuteilt, stellen Staat und Eltern harte Anforderungen.
Wer etwas werden will, erlebt schon in der Grundschule harten Stress, um auf eine gute Mittelschule zu kommen. Vor dem Besuch des Gymnasiums und der Universität stehen eisenharte Prüfungen.
Das Fatale: Wer durchfällt, hat oft für immer verloren. Die Prüfung für das Gymnasium darf nicht wiederholt werden. Die Universitäten bieten zwar ein Jahr später eine zweite Chance, doch nicht selten sind die erfolglosen Anwärter bei der Vorbereitung auf sich allein gestellt, da sie die Oberschule verlassen müssen.
Ein zweiter Bildungsweg für Pechvögel oder Spätstarter unter den Kindern des Drachens existiert so gut wie nicht. Nur gut betuchte Eltern können es sich leisten, ihre Sprösslinge auf Privat-Unis oder gar zum Studium ins Ausland zu schicken.
Rund 3,9 Millionen Oberschüler kämpfen in diesem Jahr um 1,8 Millionen Studienplätze. Für mehr Hochschulen hat der Staat kein Geld. Nur knapp 12 Prozent aller Schüler (Bundesrepublik: etwa 36 Prozent) haben damit überhaupt eine Chance, den Sprung auf eine Hochschule zu schaffen. Und nur die Besten können auf einen Platz an einer Eliteuniversität wie Pekings "Beida" oder Schanghais "Fudan" hoffen, deren Zeugnis einen gut bezahlten Arbeitsplatz in der Wirtschaft garantiert.
Bei den Zulassungsprüfungen für die Universitäten Anfang Juli gerät Peking alljährlich an den Rand des Ausnahmezustands. Bangende Eltern begleiten ihre nervösen Kinder zur Schule. Vor den Toren fahren Krankenwagen für jene auf, die dem Druck nicht standhalten. Die Polizei leitet den Verkehr um, damit die Prüflinge nicht vom Lärm gestört werden, Baustellen müssen schließen.
In den meisten Provinzen dürfen die Prüflinge ungeliebte Fächer nicht abwählen. Künftige Mathematiker müssen sich deshalb in chinesischer Literatur auskennen, Sprachtalente mathematische Formeln herunterbeten.
Veraltete Unterrichtsmethoden und überholte Lehrinhalte, wie die Analyse von Mao-Tse-tung-Schriften, tragen zur Qual bei. Der Druck auf die Jugendlichen hat zudem einen finanziellen Hintergrund: Seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik werden die Familien immer mehr zur Kasse gebeten: Gute Gymnasien verlangen zuweilen über 30000 Yuan (gut 8000 Mark) pro Jahr und Schüler an Gebühren. Damit die Investition nicht vergebens ist, zwingen viele Eltern ihre Kinder, sich bis tief in die Nacht hinter die Bücher zu klemmen.
Knapp die Hälfte aller Schüler in der südlichen Provinz Guangdong, so stellte der Mediziner Dong Yuzheng fest, bekomme nicht ausreichend Schlaf; ein Drittel lerne nur noch widerwillig und benehme sich im Alltag "nicht normal".
Zwei Grundschüler, die ihre Aufgaben nicht bewältigten, trauten sich im letzten Winter aus Angst vor Strafe nicht nach Hause, sie erfroren nachts auf dem Feld. Die Mittelschülerin Cui Fang, zwölf, aus der Provinz Henan brachte sich um, da sie die Spannung vor der Bekanntgabe der Prüfungsergebnisse nicht mehr ertrug.
Ein 17-Jähriger erschlug im Januar seine Mutter mit dem Hammer, weil sie ihn stets prügelte, wenn er mit schlechten Noten nach Hause kam. Nach der Verurteilung zu 15 Jahren Gefängnis appellierte der Junge an alle Eltern, "ihren Kindern mehr freien Raum zum Aufwachsen zu geben".
Der Ruf blieb nicht ungehört. Längst wehren sich erschöpfte Eltern, Lehrer und Kinder in Zeitungsartikeln gegen den Druck. Auch Bildungsministerin Chen Zhi-li mahnte die Lehrer, die Schüler fortan nicht so stark zu fordern.
Wie in Japan, wo die Kinder ähnliche Probleme haben, stellen auch in China viele Pädagogen mittlerweile sogar das ganze Bildungswesen in Frage. Denn, so klagen sie, es fördere nicht Kreativität, Flexibilität und soziale Intelligenz, sondern setze auf die alten asiatischen Tugenden wie Gehorsam, Fleiß und stures Auswendiglernen von Texten und Zahlen. Das System behindere "die Fähigkeit der Schüler, Neues hervorzubringen", kritisierte Li Wenhai, Präsident der Pekinger Volksuniversität.
"Wenn Schüler nur noch in Klassenzimmern und Stuben hocken, begraben unter Bergen von Hausarbeiten, dann werden ihnen später wichtige soziale Fähigkeiten und praktische Erfahrungen fehlen", befand auch KP-Chef Jiang Zemin.
Seither haben die Schüler weniger Hausaufgaben auf. Die Zensurenlisten in den Schulfluren, die zu besseren Leistungen anspornen sollen, wurden abgehängt. Die Textbücher sollen modernisiert werden. Doch leichtere Prüfungen sind vorerst nicht geplant.
"Meine Tochter", klagt deshalb die Mutter von Liu Li, "rotiert jeden Tag wie ein Kreisel." [ANDREAS LORENZ]
[Quelle: SPIEGEL Nr. 40 vom 2.10.2000, S. 239]


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