Die Sonderwirtschaftszone Shenzhen

(Provinz Guangdong)

1. Die Konzeption
1978 beschloß die Kommunistische Partei Chinas, die Wirtschaftspolitik radikal zu ändern. Ursache waren Bauerunruhen und die Erkenntnis, daß trotz der Beendigung der Kulturrevolution nach 1976 keine durchgreifende Verbesserung der wirtschaftlichen Lage erfolgte. Statt einer rigiden Planwirtschaft sollten in einem noch zu bestimmenden Umfang marktwirtschaftliche Strukturen eingeführt werden. Auch sollte die eigenständige Entwicklung technischer Innovationen zurückgestellt werden, dafür sollten Kapital und technisches Know how aus dem Ausland kommen. Sehr bald erkannte man, daß es notwendig war, auch Managementwissen zu importieren.
Dieser radikale Bruch mit der bisherigen Wirtschaftspolitik sollte kontrolliert durchgeführt werden. Man wählte 4 Sonderwirtschaftszonen aus, in der ausländische Unternehmen unter für sie günstigen Bedingungen investieren und produzieren können. So war es in diesen Zonen zum ersten Mal erlaubt, Arbeitskräfte bei ungenügender Leistung und bei konjunkturellen Schwankungen zu entlassen. Außerdem durften Anlagen verbilligt eingeführt, Gewinne zu einem großen Teil ausgeführt werden.

2. Die Standorte der Wirtschaftssonderzonen
Die um 1980 eingerichteten vier Zonen wurden geographisch sorgfältig ausgewählt. Zwei davon grenzen unmittelbar an die beiden letzten noch verbliebenen ausländischen Kolonien auf chinesischem Boden. Die WSZ Shenzhen grenzt an die britische Kronkolonie Hongkong, die WSZ Zhuhai an das Chinesische Territorium unter portugiesischer Verwaltung Macao (Macau). Zwei Wirtschaftssonderzonen liegen gegenüber Taiwan, Shantou und Xiamen.

3. Ergebnisse
Von den vier Wirtschaftssonderzonen ist vor allem die an Hongkong angrenzende Shenzhen erfolgreich. Nur hier kam es zu einem raschen Aufbau industrieller Betriebe, dem eine umfassende tertiäre Infrastruktur folgte. So entstand in Shenzhen eine eigene Börse. Shenzhen ist noch immer Ziel großer Wanderungsströme aus dem Landesinneren, die Einwohnerzahl dürfte 1996 rund 2 Millionen betragen. Mit weitem Abstand nach der WSZ Shenzhenhat sich Zhuhai entwickelt. In den beiden WSZ Shantou und Xiamen sind zwar gegenüber der Zeit vor ihrer Errichtung zahlreiche neue Betriebe entstanden, doch ist der wirtschaftliche Aufschwung dort erheblich geringer.
Shenzhen ist heute Teil eines geschlossenen Industriegebietes, das sich von Hongkong bis in das 180 km entfernte Kanton (Guangzhou) hinzieht. Wirtschaftlich ist das gesamte Gebiet von der Entwicklung in Hongkong abhängig. Hongkonger Betriebe verlagerten aus Kostengründen große Teile der Produktion Produktion nach Shenzhen, hier wurden auch großflächige Vergnügungsparks angelegt. Die Verlagerung geht weiter: heute werden in Shenzhen bereits wesentlich hochwertigere Güter als früher hergestellt. Die Produktion technologisch einfacherer Güter wurde inzwischen weiter in das Inland verlagert. So ist Shenzhen Motor für die wirtschaftliche Entwicklung des ganzen südwestlichen Chinas.

4. Tendenzen
Die Sonderstellung der Wirtschaftssonderzonen wird allmählich abgebaut. Viele Städte auch im Landesinnern gewähren (fast) die gleichen Vergünstigungen wie die Zonen. Weil aber die Entwicklung in Shenzhen eine hohe Eigendynamik erreicht hat, kommt es auch ohne staatliche Maßnahmen zu weiterem wirtschaftlichem Wachstum. Eine mögliche Gefährdung der Entwicklung in Shenzhen ist daher nicht durch politische Maßnahmen zu erwarten (wenn man die Entwicklung in Hongkong positiv bewertet, denn von Hongkong hängt Shenzhen fast völlig ab), sondern durch soziale Unruhen, die durch eine fast unbegrenzte Ausbeutung der Wanderarbeiter ausgelöst werden können. Bekannt wurden schwere Unruhen zwischen Wanderarbeitern aus der Provinz Hunan und Einheimischen, die Anfang Dezember 1995 im Dorf Longtian stattfanden, das 25 km nördlich der Wirtschaftssonderzone liegt. Dabei sollen bis zu 10 Menschen getötet worden sein, der lokale Sitz der Kommunistischen Partei wurde gestürmt, mehrere Funktionäre mißhandelt.
[China aktuell, Hamburg, Heft 12/1995, S. 1092]

Reste des alten Shenzhen rege Neubautätigkeit
nur an wenigen Stellen sind noch Reste des alten Shenzhen geblieben; auch sie werden einer Hochhausbebauung weichen müssen Baukräne und Hochhäuser prägen das moderne Shenzhen
Stadtzentrum des modernen Shenzhen; im Vordergrund der Bahnhof Lowu
Bevölkerungsentwicklung
der SWZ Shenzhen

1979

70.900

1982

207.600

1985

469.800

1987

599.600

1992 1.000.000
Zum Thema „Shenzhen“ gibt es eine Unterrichtseinheit für die 8. Klasse auf der Website des Emmy-Noether-Gymnasiums in Erlangen
 

 

Zum Klima der Provinz Guandong s. das Klimadiagramm Guangzhou.

Auf der Website der Botschaft der VR China in Berlin findet sich eine Darstellung der Öffnung Chinas seit 1980.

In DER SPIEGEL Heft 3/2002 wird auf den Seiten 122-125 über den Traum von der Perlenstadt berichtet.
„Im Flussdelta zwischen Kanton und Hongkong entsteht eine neue Megalopolis. Wo einst Fischer und Reisbauern lebten, wachsen 26 neue Städte zu einem Welthandelszentrum zusammen.“

Sehr interessante Infrarot-Satellitenbilder (TM542 und TM432) des Perlflussdeltas gibt es auf der Website der NASA:
„These scenes show the Pearl River Delta in South China as seen by the LandSat Thematic Mapper (TM) instrument. This area, which is just north of Hong Kong, includes a number of regions which have experienced very rapid urban growth and industrialization under government programs to encourage economic growth. Among the more prominent changes in these scenes (spanning from 1988 to 1995) are land reclamation from the sea and river delta to add physical land for agriculture, fish farming, and urban construction, as well as explosive growth of new communities. One of the areas of most dramatic areas of change is the Shenzhen Special Economic Zone which appears in the southeast (lower right) corner of these images.“
Weiter gibt es auf dieser Seite eine Fülle an herunterladbaren Satellitenbildern der Delta-Region sowie zwei Quicktime-Filme.

Karte des Perlflussdeltas
Maps by Expedia.com Travel
maps.expedia.com
Lage der Provinz Guangdong

Weiterführende Links:

  • The Window of Shenzhen (mit knapper Beschreibung der Sonderwirtschaftszone)
  • TIMEasia.com: Fertile Soil for a Commercial Miracle (27.9.1999)
  • Pearl River Delta Data (demographische Daten)
  • Geomorphologie des Perlflussdeltas
  • Knappe Informationen zur Provinz Guangdong
  • GEO-Magazin 1/2000 - Alles auf Rot: Das Spiel geht weiter (Macao)
  • Die schnellste Stadt der Welt - Chinas größter Gewerbepark: Die Stadt Shenzhen... (Berliner Zeitung vom 26.8.2000)
  • Shenzhen Photo-Galerie
  • © Hans-Peter Hein


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