Stadtentwicklung in der VR China

"Nach Gründung der Volksrepublik sollten in Anlehnung an das sowjetische Industrialisierungsmodell die 'Konsumentenstädte' in 'Produzentenstädte' umgewandelt und der Widerspruch zwischen der entwickelten Küstenregion und dem rückständigen Hinterland überwunden werden. Schon während des 1. Fünfjahresplans wurde eine größere Zahl von Binnenstädten als sogenannte Schlüsselindustriezentren Standort des zentralistisch gelenkten industriellen Investbaus, so Baotou, Luoyang, Chengdu, Lanzhou und Taiyuan. Nach 1957 waren weitere Städte als 'neue' Industriezentren vorgesehen, etwa Golmud, Urumqi, Kashi oder Hotan. Das Entstehen bzw. das Wachstum neuer regionaler städtischer Subsysteme bei gleichzeitiger Zunahme der großräumigen Verflechtung ließ - gemessen an der Einwohnerzahl - ein etwas ausgeglicheneres Städtesystem entstehen. Die Primatstellung von Shanghai beispielsweise - gemessen an der Einwohnerrelation zu den beiden nächstgrößeren Städten Beijing und Tianjin - wurde abgeschwächt: betrug das Größenverhältnis der nicht-agrarischen Einwohner im Jahr 1957 1,0 : 0,52 : 0,46, so im Jahr 1994 1,0 : 0,73 : 0,56 [...].
Für die Weiterentwicklung des Städtesystems ist die Rückwendung der Regional- und Wirtschaftspolitik zu den alten küstennahen Agglomerationen seit 1979 von Bedeutung, denn mit der Modernisierung und Öffnung nach außen kamen deren komparative Standortvorteile erneut ins Spiel.
Die bisherige Industrialisierung in China wurde nicht von einer parallel verlaufenden freien Land-Stadt-Wanderung und damit einer vor allem durch Migration ausgelösten Urbanisierung begleitet. [...] Die strikten Wanderungs- bzw. Umzugskontrollen haben die Migrationsprozesse bis in das letzte Jahrzehnt reglementiert und gelenkt. Zudem wurde offiziell eine Politik verfolgt, die das Wachstum vor allem der großen Städte verhindern sollte. Die Lockerung der Wanderungsbarrieren seit Beginn der 80er Jahre, die agrarischen und städtisch-industriellen Reformen und die Wirkung ausländischer Investitionen in China werden vor allem die größeren und küstennahen Städte begünstigen. Damit wird auch zunehmend die in anderen Ländern bekannte 'agro-industrial-urban transition' Platz greifen, wie sie gegenwärtig in den metropolitanen Regionen des Küstenraumes beobachtet werden kann. Für die küstennahen Stadtregionen hat Zhou Yixing auch versucht, das von Ginsburg und McGee entwickelte Paradigma der 'metropolitan interlocking region' zu verifizieren [...]. Gemeint ist ein relativ stabiles System von Marktorten, Klein- und Mittelstädten in einer metropolitanen Großregion, das auf engen und stabilen Austausch- und Pendlerbeziehungen beruht, jedoch ohne eine massive Land-Stadt-Wanderung innerhalb dieser Region auskommt. Zhou [...] hat vier solcher 'extended metropolitan areas' entlang der Küste identifiziert, nämlich Shanghai-Nanjing-Hangzhou, Beijing-Tianjin-Tangshan, Shenyang-Dalian-Süd-Liaoning und Hongkong-Guangzhou-Macau. In allen Fällen sind ein oder zwei große Städte mit mehr als einer Million Einwohner die Wachstumspole für die Agglomeration. Gute Häfen und Verkehrsverbindungen stellen die Achsen zwischen den Wachstumspolen dar; zudem haben sich enge wirtschaftliche Interaktionen zwischen den Kernstädten und dem Verdichtungsraum herausgebildet.
Betrachten wir die statistischen Daten des Urbaniserungsprozesses in ganz China, so gilt die eben beschriebene sozioökonomische Transformation nur sehr eingeschränkt für den Rest des Landes. Bis in die jüngste Zeit sind nämlich in erster Linie administrative Veränderungen Ursache für den Urbanisierungsprozeß, soweit er sich in der Anzahl der Shi-Städte - Landstädte (zhen) bleiben hier außer Betracht - niederschlägt [...]. Sogenannte Shi-Städte sollen in der Regel mehr als 100 000 Einwohner aufweisen - im einzelnen sind die Kriterien recht kompliziert -, Zhenorte sollen mehr als 2 000 nicht-agrarische Einwohner beherbergen. Gemeinden (xiang) erfüllen in der Regel diese Bedingungen nicht.
Angesichts der relativ komplizierten und z.T. unsicheren Datengrundlage ist es außerordentlich schwierig, die einzelnen Komponenten des Urbanisierungsprozesses zu erfassen. Es kommen folgende Ursachen des städtischen Bevölkerungswachstums in Betracht: 1) Zuwanderungsüberschüsse; 2) natürlicher Bevölkerungszuwachs; 3) Stadterhebungen (Aufwertungen von Landstädten oder Gemeinden in Städte [...]); 4) administrative Veränderungen in bestehenden Städten wie etwa die Ausweitung von Stadtbezirken oder die Umwandlung von Landkreisen in Stadtbezirke.
[...]
Die Entwicklung der Shi-Städte stand in der innerchinesischen Diskussion seit Anbeginn unter der Fragestellung, ob das Städtewachstum ausgeglichen zu sein habe oder ob die Groß- und Millionenstädte rascher wachsen sollten als die übrigen Städte, ob also eine Metropolisierung des Städtesystems angestrebt werden sollte.
[...] diese Daten machen deutlich, daß von einem Hyperwachstum der großen Metropolen mit Blick auf die Stadtbevölkerung nicht gesprochen werden kann - auf jeden Fall nicht in relativer Sicht. Selbstverständlich wachsen auch die Einwohnerzahlen der Städte mit mehr als einer Million nicht-agrarischen Bewohnern absolut weiter an, aber offenkundig mit geringerem Tempo als die der Mittel- und Kleinstädte."
[aus: Wolfgang Taubmann, Naturräumliche Gliederung und wirtschaftsgeographische Grundlagen. In: Länderbericht China, S. 43ff.]

Entwicklung der Urbanisierung in der VR China, 1951-1996

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Quelle: Statistical Yearbook of China 1993, S. 81; A Statistical Survey of China 1997, S. 25. Die Zahlen der städtischen Bevölkerung von 1951 bis 1981 umfassen die gesamte Bevölkerung der Gebiete, die zu den Städten (shi) und Landstädten (zhen) gehören; die Dorfbevölkerung bezieht sich nur auf Kreise, nicht auf Landstädte. Ab 1982 wurden die Zahlen auf der Basis der 4. Volkszählung korrigiert. Die Dtadtbevölkerung umfaßt die Bevölkerung der Distrikte, die zu den Städten mit Distrikten gehören, ferner die Bevölkerung der Städte ohne Distrikte und der Landstädte, die den Städten und Kreisen zugeordnet sind. Die Landbevölkerung bezieht sich auf die Restbevölkerung.
aus: Taubmann, a.a.O., S. 606

 

 

Shi-Städte und nicht-agrarische Shi-Stadtbevölkerung nach Größenklassen 1952 bis 1993

 
1952
1964
1988
1993
 
Shi-Städte
n.-agr.Einw.
Shi-Städte
n.-agr.Einw.
Shi-Städte
n.-agr.Einw.
Shi-Städte
n.-agr.Einw.
Mio.
abs.
%
Mio.
%
abs.
%
Mio.
%
abs.
%
Mio.
%
abs.
%
Mio.
%
über 2,0
2
1,3
7,18
20,6
5
3,0
18,60
28,2
8
1,8
30,16
21,5
10
1,75
38,06
21,5
1,0-2,0
5
3,3
7,18
20,6
8
4,8
11,16
16,9
20
4,6
27,09
19,3
22
3,9
28,70
16,2
0,5-1,0
8
5,2
4,94
14,2
18
10,8
12,55
19,0
30
6,9
20,79
14,8
36
6,3
24,64
13,9
0,2-0,5
21
13,7
6,42
18,4
42
25,1
13,65
20,7
110
25,3
33,21
23,7
160
28,1
47,33
26,7
unter 0,2
117
76,5
9,19
26,3
94
56,3
10,07
15,3
266
61,3
29,09
20,7
342
60,0
38,36
21,7
Gesamt
153
100,0
34,91
100,0
167
100,0
66,03
100,0
434
100,0
140,34
100,0
570
100,0
177,09
100,0

[Quelle: Taubmann, a.a.O., S.45]

Die größten chinesischen Städte:

Chongqing 30,20 Mio.
Shanghai 14,09 Mio.
Beijing 12,59 Mio.
Tianjin 9,48 Mio.
Wuhan 7,10 Mio
Shenyang 6,67 Mio.
Guangzhou 6,47 Mio.
[Quelle: Ostasiatischer Verein e.V. (Hrsg.), Wirtschaftshandbuch Asien-Pazifik 1998/99. Hamburg 1998, S. 111]

© Hans-Peter Hein



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