Der Kanal der Roten Kaiser

Um jährliche Dürren im Norden zu bekämpfen, will China das größte Wasserkanalprojekt seiner Geschichte starten

Von Harald Maass (Peking)

Seit die Bauern von Huai'an denken können, fließt im Kaiserkanal hinter ihren Häusern das Wasser von Norden nach Süden. Der Kanal zwischen Peking und Hangzhou, vor 1500 Jahren von den Herrschern der Sui-Dynastie gebaut, war zu seiner Zeit ein technisches und wirtschaftliches Wunder. "Huangjin Shuidao", den "goldenen Wasserweg", nannte man den 1800 Kilometer langen Kanal, auf dem unter der Sui-Dynastie erstmals Schiffe Güter und Passagiere von Norden nach Süden transportieren konnten.

In ein paar Jahren wird in Huai'an das Wasser in die umgekehrte Richtung fließen - von Süden nach Norden. Pekings Regierung will im kommenden Jahr mit dem vielleicht ehrgeizigsten Ingenieurprojekt in Chinas Geschichte beginnen. Drei Kanäle in Ost-, Zentral und Westchina mit einer Gesamtlänge von mehr als 3700 Kilometern sollen Wasser vom Süden in den von Dürre bedrohten Norden transportieren. Chinas größter Fluss, der wasserreiche Jangtse, soll dazu mit dem Huanghe, dem Gelben Fluss in Nordchina, verbunden werden. Der alte Kaiserkanal, mit Deichen befestigt und mit Pumpstationen aufgerüstet, wird Teil des großen Wasserplans. Insgesamt 48 Milliarden Kubikmeter sollen jedes Jahr in den drei Kanälen von Süden nach Norden fließen, so viel wie der Gesamtverbrauch Deutschlands in einem Jahr. "Das Projekt wird Chinas Wasserprobleme langfristig lösen", sagt der zuständige Vizeminister Zhang Jiyao.

Pekings Projekt wird den Kaiserkanal, an dem einst tausende Arbeiter sechs Jahre lang schaufelten, in den Schatten stellen. Allein für die beiden Kanäle im Osten und Westen will China in den nächsten zehn Jahren 180 Milliarden Yuan (47 Milliarden Mark) investierten. Tausende Kilometer neuer Deiche sollen errichtet, unterirdische Wasserwege gegraben und hunderte Pumpstationen gebaut werden. Für den dritten Wasserweg im Westen, bei dem Wasser von der Tibet-Hochebene abgeleitet werden soll, gibt es bisher nur vage Pläne. Ingesamt werde das Mammutprojekt über einen Zeitraum von einem halben Jahrhundert "bis zu 500 Milliarden Yuan" (131 Milliarden Mark) kosten, schätzt eine Pekinger Morgenzeitung. Ein neuer Kaiserkanal entsteht, diesmal für die Roten Kaiser Chinas.

Das Projekt ist die Antwort auf den Hilfeschrei eines ausgezehrten Landes. Durch Überbevölkerung und Industrialisierung ist in den vergangenen Jahrzehnten Chinas Wasserhaushalt aus dem Gleichgewicht geraten. Während im Süden Hochwasser und Überschwemmungen jedes Jahr für Katastrophen sorgen, herrscht in Nordchina verheerende Dürre. Millionen Chinesen müssen ihr Wasser rationieren, Industriebetriebe können während der Trockenperioden nicht mehr produzieren. In manchen Regionen ist es bereits zu bewaffneten Kämpfen zwischen Dörfern um Wasserrechte gekommen. Tausende Bauern aus der Provinz Shandong erhoben sich im vergangenen Sommer, als die Behörden den Zugang zu einem Reservoir sperren wollten.

Chinas Norden ist ein trockenes, regenarmes Gebiet mit dürrem Pflanzenbewuchs. Rund die Hälfte der 1,3 Milliarden Chinesen lebt in den nördlichen und mittleren Provinzen, in denen nur ein Fünftel der nationalen Wasserreserven liegen. Seit der Wirtschaftsöffnung vor zwei Jahrzehnten ließen Bauern und Fabriken immer tiefere Brunnen bohren, um Wasser für die Felder und die Produktion abzuzapfen. Der Grundwasserspiegel ist in vielen Gegenden dramatisch gesunken; in der Metropole Peking fällt er jedes Jahr um mehrere Meter. Der Gelbe Fluss führt mittlerweile so wenig Wasser, dass er zu manchen Jahreszeiten auf dem Weg zum Meer völlig austrocknet. Illegale Mülldeponien und ungefilterte Industriegifte verseuchen die ohnehin knappen Wasserreserven. Mehr als die Hälfte aller Chinesen, 700 Millionen Menschen, trinken nach Pekinger Angaben verseuchtes oder unsauberes Wasser. In 400 der 668 chinesischen Städte herrscht Wassermangel. In einigen Jahren könnte Chinas Mangel an kostbarem Nass so groß sein, "dass die Wirtschaftsentwicklung des Landes gefährdet" sei, warnte Vizeminister Zhang.

Die Idee, die neuen Kanäle zu graben, ist so alt wie Volksrepublik. Der Große Vorsitzende Mao hatte 1952 bei einer Inspektionsreise in Nordchina von einem Kanalsystem geträumt. "Der Süden ist so reich an Wasser, und der Norden leidet Mangel. Wenn möglich, nehmt doch etwas vom Süden", sagte der Revolutionär. Kaum war das gesagt, machten sich Pekings Ingenieure des Sozialismus an die Arbeit. Jahrzehntelang wurde Pläne gezeichnet, aber wegen der gigantischen Schwierigkeiten wieder verworfen. Als Mao 1976 starb, schien das Projekt mitbeerdigt zu werden.

Als sich in den vergangenen Jahren die Dürre im Norden und die Überschwemmungen im Süden verschärften, kramte man im Pekinger Wasserministerium die alten Pläne wieder heraus. Neue Berechnungen wurden angestellt, Umweltschutzexperten und Wasseringenieure zu Rate gezogen. Im Oktober 2000 nahm das Zentralkomitee der KP das Großprojekt in den Fünfjahresplan auf. Im nächsten Jahr sollen die Bauarbeiten starten, heißt es im Wasserministerium. Bis 2010 sollen der östliche und der mittlere Kanal fertig sein. Der Ostkanal, ein 1150 Kilometer langer Hauptkanal und eine 740 Kilometer lange Nebenleitung, soll Wasser aus dem Jangtse in die nördliche Hafenstadt Tianjin bringen. Der Zentralkanal wird das Danjiangkou-Reservoir der Provinz Hubei, das vom Han-Fluss gespeist wird, mit der Hauptstadt Peking verbinden.

Vor allem der Zentralkanal stellt die Planer vor Schwierigkeiten. Damit das Wasser aus Danjiangkou nach Norden fließt, müssen Dämme und Wasserpegel um 13 Meter erhöht werden. Die Hälfte der lokalen Bevölkerung, rund 220 000 Menschen, muss den Plänen nach umgesiedelt werden. Dörfer und Kleinstädte mit tausenden Häusern und 120 Fabriken und Bergbaufirmen werden überschwemmt. Bislang spricht Peking von insgesamt 370 000 Menschen, die wegen des Projektes umgesiedelt werden. Die Zahl wird jedoch, wie bei früheren Großplanungen, noch steigen. "Die Umsiedlung ist kein Problem", meint Vizeminister Zhang. Die Betroffenen würden "rechtzeitig informiert".

Doch hinter dem Projekt stehen auch technische Fragezeichen. Ein Problem ist die Umweltverschmutzung der Flüsse. Der Kaiserkanal beispielsweise ist durch Industrieabfälle so verschmutzt, dass sein Wasser auch abgekocht nicht genießbar ist. Neben riesigen Pumpstationen muss China hunderte Klär- und Filteranlagen entlang der Kanäle bauen. Die Kosten, zusammen mit Gebühren für die Zulieferleitungen zum Hauptkanal, tragen die Verbraucher. Bis zum Jahr 2005 soll sich in Peking der Wasserpreis von derzeit zwei auf fünf Yuan pro Kubikmeter erhöhen, kündigt der Staatsrat an. "Wir müssen uns daran gewöhnen, dass Wasser teurer wird", sagte Vizeminister Zhang dazu.

Der Ansicht ist auch Chinas kleine Gemeinde der Umweltschützer, die im Übrigen dem Mammutprojekt kritisch gegenüberstehen. Statt kostspielige Großprojekte durchzuziehen, sollte die Regierung gegen die Verschwendung vorgehen, sagt Liang Congjie, der Chinas erste unabhängige Umweltgruppe "Freunde der Natur" gründete. Durch brüchige Kanalsysteme und undichte Rohre gingen Unmengen Wasser verloren. "Wasser ist in China zu billig. Die Leute spüren keine Notwendigkeit zu sparen", sagt Liang. Die Journalistin Dai Qing befürchtet, dass Pekings KP-Führer "die Fehler vom Drei-Schluchten-Damm" wiederholen. Der Bau des Jangtse-Staudammes ist wegen Korruption und Missmanagement in der Kritik.

Offensichtlich fühlen sich auch einige Kader nicht wohl bei dem Gedanken, die natürliche Wasserbalance des Landes zu stören. Das Projekt ist in der Regierung umstritten. "Ein Umleitungsprojekt von dieser Größenordnung verändert die Umwelt für immer", warnt Shen Xiaoli von der Provinzregierung in Hubei. "Das Ökosystem und die soziale Struktur ganzer Provinzen könnten sich verschieben."

 

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Dokument erstellt am 03.12.2001 um 21:33:12 Uhr
Erscheinungsdatum 04.12.2001