Die sanften Rebellen
Chinas Umweltschützer klettern nicht auf Fabrikschlote, doch verändert diese Bürgerbewegung die Volksrepublik
Von Harald Maass (Peking)
Manchmal ist es für Liang Han nicht einfach, ein Umweltschützer in China zu sein. Den ganzen Nachmittag hat der 19-jährige Student mit seinen Freunden Altpapier eingesammelt. Am Sonntag hatten sie ihren freien Abend geopfert und stundenlang über die neue Kampagne diskutiert. Müde sitzen sie jetzt in dem kleinen Moslem-Restaurant außerhalb der Uni. Fünfzig Kilo Altpapier sind verpackt. Das Hühnchen mit den würzigen Xinjiang-Nudeln ist bestellt, als Liang Han plötzlich auffährt. Ess-Stäbchen aus Holz! "Das geht nicht", ruft er und rennt aus dem Lokal. Zehn Minuten später kommt er atemlos zurück, in der Hand die abspülbaren Stäbchen aus der Uni-Mensa.
Liang Han ist keiner, der in Sachen Ökologie mal ein Auge zudrückt. Der junge Mann ist der Präsident von Pred, der studentischen Umweltschutzgruppe der Pekinger Shifan-Universität. "Jeder muss was gegen die Umweltverschmutzung tun", sagt er. Kaum eine Woche vergeht, in der die Pred-Studenten nicht eine Aktion planen. An anderen Universitäten gibt es ähnliche Gruppen, sie nennen sich "Wildes Grün" oder "Grüner Salon". Ohne viel öffentliches Aufsehen ist in China eine Umweltbewegung entstanden. Deren Mitglieder klettern nicht auf Schornsteine und organisieren keine Demonstrationen. Und doch verändern sie die Volksrepublik. Sie sind Chinas erste Bürgerbewegung.
Das Reich der Mitte steht vor einem ökologischen Kollaps. Seit der Öffnung des Lands vor zwei Jahrzehnten expandiert die Industrie im Rekordtempo. Fabrikgelände werden aus dem Boden gestampft, Chemiewerke ausgebaut und Kraftwerke installiert. Die Zahl der Autos verzehnfachte sich. Ein Milliardenvolk hat den Konsum entdeckt. Die Folge ist eine rasche Zerstörung der Natur. Flüsse sind verpestet, Wälder dem Kahlschlag zum Opfer gefallen. Der jüngsten Untersuchung des Washingtoner World Resource Instituts von 1998 nach liegen neun der zehn am meisten verpesteten Städte der Erde in China. An manchen Orten ist der Ausstoß an Schwefeldioxid zehn Mal so hoch wie der erlaubte WTO-Grenzwert. Kinder erkranken an Pseudo-Krupp, Erwachsene bekommen Ausschläge und Asthma. In einigen chinesischen Städten trauen sich die Menschen nur noch mit Stoffmasken vor dem Mund auf die Straße.
"Die Situation ist wirklich schlimm", sagt Liang Han. Mit der Studentengruppe arbeitet er daran, zumindest an seiner Universität die Umwelt besser zu schützen. Pred ist die englische Abkürzung für Population (Bevölkerung), Resources (Rohstoffe), Environment (Umwelt) und Development (Entwicklung). Rund 70 Mitglieder sind eingeschrieben, "der harte Kern ist ein Dutzend Leute", sagt Liang, der im zweiten Jahr Geographie studiert. Die Pred-Studenten sammeln Altpapier, organisieren Filmabende und Ausstellungen. Die Universitätsleitung hat ihnen einen kleinen Raum bereitgestellt. Dafür wird erwartet, dass sich die Studenten an die Regeln halten. Provokante Aktionen gebe es bei Pred nicht, sagt Liang. "Es ist gefährlich, die Regierung zu konfrontieren."
Mitte der neunziger Jahre entstanden in China die ersten Umweltgruppen. Heute gibt es Hunderte, meist an den Universitäten. Von Peking über Kanton bis nach Tibet setzen sich Studenten für Mülltrennung ein, veranstalten Seminare über den Schutz der Umwelt. Weil die Regierung Angst vor einer politischen Opposition habe, erklärt ein Student, spreche niemand von einer Bewegung. "Wir nennen uns Umweltschutzgruppen." Doch sie sind gut organisiert. "Über E-Mail und das Internet sind wir vernetzt", sagt die Studentin Tan Xi. Beim "Grünen Camp", einem jährlichen Zeltausflug, treffen sich die Macher aus der Szene zum Erfahrungsaustausch.
"Ruhe! Seid doch mal ruhig", ruft Liang Han. Sonntagabend, die Pred-Mitglieder haben sich zur wöchentlichen Strategiesitzung versammelt. Im Neonlicht des Klassenzimmers sitzen die Studenten in Jeans und Sweatshirts auf den Holztischen. "Willst du etwa, dass wir Spione werden?", empört sich eine Studentin über den Vorschlag, ob Pred nicht Informationen über die Umweltsünden der Lehrer sammeln sollte. Eine heftige Diskussion bricht aus. "Glaubst du nicht, dass wir damit die Lehrer provozieren?", fragt eine andere. Liang Han verteidigt die Idee: "Ich will dem Rektor nur Fakten zeigen, dass die Verschwendung bei uns an der Uni zu groß ist!" Mehrmals pfeift er, um zur Ruhe zu mahnen.
Für Chinas konservatives Schulsystem sind solche Szenen neu. Pred ist basisdemokratisch organisiert. Kein Vorsitzender bestimmt über das Programm, kein Parteifunktionär mischt sich ein. Für die Studenten bedeuten die Umweltgruppen ein Stück Freiheit. "Wir streiten fast jedes Mal über irgendetwas", sagt Tan Xi. Sie scheint stolz darauf zu sein.
Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich die Umweltschützer bewegen. Öffentliche Gegenmeinung ist in China nicht erlaubt. "Natürlich haben wir von Greenpeace gehört", sagt Liang Han. Mit einem Schlauchboot einen Öltanker abzudrängen, dass sei sicher "hao wanr", lustig. Aber in China seien solche Aktionen eben nicht möglich. "Das sind oft nur Medienstunts", meint ein anderer Student. Doch irgendwie gefallen ihnen die spektakulären Auftritte schon. An einer Pekinger Universität habe es vor kurzem eine "kleine Schockaktion" gegeben, berichten sie. Ein Student duschte öffentlich mit Flusswasser. Angesichts der Wasserqualität in Pekings Flüssen wahrlich eine Provokation.
Chinas Umweltschützer sind sanfte Rebellen. Statt über Politik reden sie lieber über ihre Liebe zur Natur. Statt Demonstrationen planen sie Ausflüge in die Wälder. Dass ihre Arbeit enge Grenzen hat, wissen sie. Die großen Umweltkatastrophen zu stoppen, sei Sache der Regierung, sagt Liang Han. "Wir kümmern uns um die kleinen Probleme." Für die Globalisierungskritiker haben sie kein Verständnis. "Natürlich muss sich China entwickeln, und dafür brauchen wir Industrie", sagt die Studentin Tan Xi. Von Konsumverzicht spricht hier niemand. "Natürlich werde ich mal ein Auto fahren, wenn ich es mir leisten kann", sagt Liang. "Wenn die Menschen nicht konsumieren, kann sich China nicht entwickeln."
Liang Congjie sitzt vor dem Computer und trinkt Tee. Im Vorzimmer rattert ein Drucker, Frauen verpacken Poster. Seit Liang Congjie 1994 die Organisation "Freunde der Natur" gründete, gilt der Geschichtsprofessor als der Vater der chinesischen Ökobewegung. Es ist die erste Nichtregierungsorganisation der Volksrepublik China und die erste politische Interessengemeinschaft, die nicht von der kommunistischen Partei kontrolliert wird. "Wir sind nur eine kleine Organisation mit begrenzten Mitteln", sagt der 70-Jährige. Die 1500 Mitglieder machen vor allem Aufklärungsarbeit an Schulen. "Wir haben keine landesweite Strategie", sagt Liang. Dafür sei die Umweltverschmutzung zu dramatisch.
Es sind kleine Schritte, von denen er spricht. In den Zügen werfen viele Chinesen bis heute ihren Müll aus dem Fenster. "Wir müssen das Bewusstsein von hunderten Millionen Menschen ändern, die Regierung mit eingeschlossen", sagt er. Auch er muss bei seiner Arbeit vorsichtig sein. Demonstrationen sind tabu. "Unsere schärfste Waffe sind die Medien", sagt Liang. Als in Südchina lokale Funktionäre Tropenbäume abholzen ließen, sorgte er dafür, dass ein Kamerateam des Staatssenders CCTV darüber berichtete. Erst als die illegale Abholzung im Fernsehen gezeigt wurde und sich der Druck auf die Regierung erhöhte, wurde die Rodung gestoppt.
"Unser größtes Problem ist die Bevölkerung", sagt Liang Congjie. 1,3 Milliarden Menschen leben in China. Die Ressourcen an Boden, Wald und Luft seien einfach zu knapp, sagt er. Mit nur sieben Prozent der Weltackerfläche muss das Land ein Fünftel der Menschheit ernähren. Wird China den Fehler des Westens wiederholen und für die Industrialisierung seine Natur opfern? Liang Congjie lehnt sich im Sessel zurück. "Ich glaube, dass Menschen nicht von den Fehlern anderer lernen. Leider."
Die Bewegung steckt noch in Anfängen. China muss Naturbewusstsein erst neu entdecken. Unter Mao waren rauchende Schlote die Erfolgssymbole des Sozialismus. Mitten in die Städte baute man die Fabriken. 1989 musste die Journalistin Dai Qing für ein Jahr ins Gefängnis, weil sie in einem Buch den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms kritisiert hatte. Heute ist selbst das von der Regierung geförderte Milliardenprojekt kein Tabu mehr. Die staatliche Wochenzeitung Nanfang Zhoumo enthüllte vor kurzem eine detaillierte Liste von Naturzerstörungen durch den Staudamm. Im Umland von Peking und anderen Großstädten züchten die ersten Bauern ökologisches Gemüse.
Kleine Schritte. Bis spät in die Nacht diskutieren Liang Han und seine Kommilitonen in dem Restaurant vor der Universität über ihre Projekte. Wo soll man die Plakate für den Umweltfilm aufhängen? "So einen Film schaut sich doch niemand 90 Minuten lang an", protestiert eine Studentin. Als eine Freundin dazustößt, sind wieder nur Ess-Stäbchen aus Holz da. Liang Han überlegt, ob er noch einmal zur Mensa rennen soll. "Lass sie doch die Holz-Stäbchen nehmen", drängen die Mitstudenten. Eine Grundsatzdiskussion droht. Dann rettet ein Kompromiss den Abend. Das Mädchen nimmt einen Löffel.
[ document info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 10.05.2002 um 21:52:18 Uhr
Erscheinungsdatum 11.05.2002