Peking-Ente muss Abgasnorm einhalten
Behörden in Chinas Hauptstadt bannen Grillschwaden als Luftverschmutzung
Von Mathias Bölinger (Peking)
“Liebt die Natur heiß und innig”, ruft Pekings Stadtregierung die Bürger auf Werbeplakaten auf. Seitdem Chinas Hauptstadt den Zuschlag für die Olympiade 2008 erhalten hat, soll aus der smoggeplagten Metropole eine ökologische Vorzeigestadt werden. Dabei haben es Pekings Saubermänner nun auf einen besonders delikaten Feind abgesehen: Ausgerechnet die traditionelle Pekingente soll umweltfreundlich werden.
Seit Jahrhunderten wird “kao ya”, wie die Peking-Ente in China genannt wird, auf einem Feuer aus speziellen Obsthölzern zubereitet. Doch was für viele Pekinger die besondere Würze der Ente ausmacht, hat die Umweltbehörde nun als gefährliche Belastung für die hauptstädtische Luft identifiziert. Laut einer neuen Verordnung müssen Pekings 1000 Entenrestaurants ihre Feuer löschen. Gas oder Strom sollen die alten Dattel- und Apfelbaumscheite ersetzen.
Viele Pekinger sind entrüstet. Fettig und fad findet Song Zhigang die Enten vom Gasgrill. Der korpulente Urpekinger kommt ins Schwärmen, wenn er vom berühmten Gericht seiner Stadt erzählt. “Peking ist für seine Ente so berühmt wie für die Verbotene Stadt oder die Große Mauer.” Die Tradition des Obstholzfeuers gehört für ihn ebenso dazu wie die Frühlingszwiebeln und die kleinen Pfannkuchen, die traditionell mit der Ente serviert werden. “Am besten schmeckt die Ente, wenn sie über Apfelbaumholz gegrillt wird.”
Das Verbot der Holzfeuer ist eine von vielen Kampagnen, mit denen die Regierung der chinesischen Hauptstadt ein moderneres Gesicht geben will. Alte Gassen werden abgerissen und durch glitzernde Einkaufszentren ersetzt. Um aus Peking eine “wenming chengshi”, eine “zivilisierte Stadt” zu machen, sollen auch die Bürger nach dem Willen der Regierung umerzogen werden. Im Sommer mit nacktem Oberkörper herumzulaufen ist neuerdings genauso verpönt wie im Stadion Schimpfwörter zu schreien.
Mit der Peking-Ente ist eine kulinarische Tradition bedroht. 1330 wurde die Ente erstmals in den kaiserlichen Kochbüchern erwähnt. Über die Jahrhunderte galt sie als eines der Lieblingsgerichte der Pekinger Oberschicht. Dichter besangen die besten Restaurants und Zubereitungsmethoden.
Das Pekinger Umweltamt bleibt jedoch hartnäckig. “Wir schreiben den Restaurants nicht vor, wie sie zu grillen haben”, sagt Pressesprecherin Liang vorsichtig. “Aber die Abgasnorm müssen sie einhalten.”
Auf ihrer Homepage identifiziert die Behörde Küchendünste als einen der “drei großen Mörder”. Die Begnadigung der Peking-Ente ist nicht in Sicht.
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Dokument erstellt am 18.09.2002 um 21:30:26 Uhr
Erscheinungsdatum 19.09.2002