Dammbrüche weltweit

Von Karl Grobe
Was des Wassers Gewalt anrichten kann, muss man Mitteleuropäern in diesen Tagen nicht erklären; wir erfahren es täglich in diesem Katastrophensommer. Es ist eine Ausnahmesituation. Vergleiche sind den meisten Zeitgenossen nur durch den Rückgriff auf alte Berichte möglich. Selbst die Hamburger Sturmflut, in der der Stadtteil Wilhelmsburg ertrank, liegt vierzig Jahre zurück. Die Nordseedeiche sind unerschüttert fest, die Ströme schienen gebändigt; ein Bewußtsein für Gefahren gab es kaum mehr.
In anderen Ländern besteht es sehr wohl. Deren Katastrophen-Erfahrung ist die einer periodischen Wiederkehr des Bedrohlichen. Monsun-Hochfluten bringen den indischen Provinzen und den Niederungen von Bangladesch nahezu jedes Jahr buchstäblichen Untergang. Die großen Ströme Chinas gelten dem Volk als Fluch, weil sie die Deiche brechen und die weite Ebene überfluten; daher gelten seit den vorhistorischen Zeiten der mythischen Gründerkaiser diejenigen als groß, die das Wasser unter Kontrolle brachten und den Fluch in Segen verwandelten.
Der Flutkontrolle hat die Pekinger Regierung in den vergangenen vier Jahren über 17 Milliarden Euro gewidmet. Es hat, wie es heute scheint, nicht ausgereicht. Die Eindämmung der Jangtse-Fluten ist nur ein Teil der Lösung. Sie kann nicht mehr sein, weil Raubbau an den Wäldern deren Kraft zerstört hat, Monsunregen zu speichern und mit geraumer Verzögerung an die Flüsse abzugeben.
Die Vorstellung, die Holzvorräte seien allein zum Nutzen der Menschen da, ist ein Teil des Problems. Dieses Denken stammt aus der Periode, in der die alles beherrschende Partei die Natur zum Objekt der Umgestaltung machte. Es ist durch den Aufruf der Bereicherung in der nun 14 Jahre dauernden Reformperiode noch bekräftigt worden. Gut gemeinte, ja sorgfältig durchgeplante Aufforstungsprogramme scheitern daran.
Den natürlichen Überschwemmungsraum des Jangtse-Stroms hat das Bestreben eingeengt, dem Land Ackerfläche zu verschaffen. Der weite Dongting-See in der Provinz Hunan sollte Getreide liefern. Der Rest wurde eingedeicht. Dass diese Dämme nun zu brechen drohen, widerlegt die Planer. Freilich, ihre Vorstellungen sind nicht sehr weit von denen unserer Landsleute entfernt, welche die Landschaft versiegeln und betonieren. Lehren müssen alle ziehen, und zwar bald.
[FRANKFURTER RUNDSCHAU, 21.8.2002]