Von den "kleinen Kaisern" werden einige zu dick

Chinas Ein-Kind-Politik führt dazu, daß Eltern ihre Sprößlinge überfüttern / In Landregionen bleibt der Hunger

Von Harald Maass (Peking)

Wenn Tiantian mit ihren Eltern am Wochenende in die Stadt fährt, entscheidet das kleine Mädchen, wo gegessen wird. Zusammen mit Tausenden anderen drängt sich die junge Familie dann in die westlichen Fastfood Restaurants "Maidanglao" ("McDonalds") oder "Kendeji" ("Kentucky Fried Chicken") in Peking. Statt Reis gibt es fettige Hamburger, Milchshakes und Pommes Frittes, und das elfjährige Mädchen ist glücklich. "Wenn es nach unserer Tochter ginge, würden wir nur noch hier essen", sagt der Vater, während Tiantian mit dicken Backen einen Cheeseburger verspeist.
"Xiao Huangdi" - "kleine Kaiser" nennen die Chinesen Einzelkinder wie Tiantian. Wegen der Ein-Kind-Politik dürfen die meisten Familien in China nur einen Sprößling haben. Und wer würde es ihnen verdenken, die Kinder werden verwöhnt! "Es ist der Mittelpunkt der Familie, alles dreht sich nur um das Kind", schreibt die Shanghaier Zeitung Wenhui Bao. Die oft übersteigerte Eltermliebe zeigt sich vor allem beim Essen. Die Söhne und Töchter werden so sehr gehegt und gepflegt, daß immer mehr chinesische Kinder zum Übergewicht neigen.
"Wir beobachten mit Sorge, daß die Kinder in den Städten immer dicker werden", sagt Professor Chen Xuecun von der Chinesischen Ernährungsgesellschaft, Im Durchschnitt wiegen Chinas Kinder heute 2,5 Kilogramm mehr als noch vor zehn Jahren. Zwar sind sie kräftiger und größer geworden, allerdings auch dicker. Die Zahl der übergewichtigen Jungen und Mädchen hat sich 1985 verfünffacht. Vor allem die Söhne, Stolz einer jeden chinesichen Familie, werden mit zu vielem und zu gutem Essen überfüttert. Einer Untersuchung von 310000 Kindern zufolge leiden 12 Prozent der Jungen in den Städten an Übergewicht. "Viele Eltern wissen nicht, daß sie ihren Kindern mit dem vielen Essen schaden", sagt Professor Chen.
Vor allem in den Städten, wo in den vergangenen Jahren eine wohlhabende Mittelschicht entstanden ist, ändern sich die Eßgewohnheiten. Amerikanische Fastfoodrestaurants ("Eine Ernährungskatastrophe", sagt Professor Chen) sind modern geworden. Während früher meist nur Reis und Gemüse auf dem heimischen Tisch standen, wird heute fast täglich Fleisch und Fisch gegessen. Hühnchen mit Erdnüssen, süßsaures Schweinefleisch und Fenchel-Maultaschen - was vor zwanzig Jahren nur an Festtagen aufgetischt wurde, ist bei vielen Familien heute Alltagsküche.
Mindestens 70 Millionen Chinesen sind Schätzungen zufolge fettleibig. "Wenn wir jetzt nicht bei den Kindern aufpassen, werden es bald noch mehr sein", sagt Professor Chen. Das Problem ist allerdings, daß Essen in China eine wichtige traditionelle Rolle spielt. Eine Mahlzeit auszulassen gilt als ungesund und unschicklich. Geschäfte und Besprechungen werden ausschließlich in Restaurants geführt. Auch in der Sprache zeigt sich die Bedeutung des Essens. Statt mit "Guten Tag" begrüßen sich Chinesen mit "Chi le ma?" - "Schon gegessen?"
Ernährungsunterricht an den Schulen und ein erweitertes Sportprogramm soll die Jugendlichen in Zukunft wieder in Form bringen. "Unser Hauptproblem ist damit allerdings nicht gelöst", sagt Ernährungswissenschaftler Chen. Während die Kinder wohlhabender Familien nämlich immer dicker werden, sind in den ärmeren Gebieten viele Kinder unterernährt. Etwa 30 Prozent der Jugendlichen auf dem Land leiden bis heute unter einer zu schlechten Ernährung.
"Als erstes müssen wir dafür sorgen, daß diese Kinder ausreichend Nährstoffe für eine gesunde Entwicklung bekommen", sagt Professor Chen. "Genügend Essen ist da, es ist nur eine Frage der Verteilung."

[Frankfurter Rundschau, 25.03.1998]


JUNGEN BEVORZUGT

Seit 1979 setzt China seine Ein-Kind-Politik radikal durch. Gleichzeitig erhielten chinesische Paare die Möglichkeit, durch Ultraschall das Geschlecht ihres Babys vor der Geburt festzustellen (bis 1. Juni 1995 erlaubt). Traditionelle Vorliebe für männliche Nachkommen hat dazu geführt, daß weibliche Föten abgetrieben werden.
Von 1982 bis 1989 stieg sie Zahl männlicher Babys im Vergleich zu je 100 weiblichen von 107 auf 114, klar über dem biologischen Durchschnitt von 106. Beim zweiten Kind stieg das Verhältnis Mädchen zu Jungen sogar auf 100 zu 120. Selbst das offizielle Weißbuch der Regierung stellt fest: "Fälle von Ertränken und Aussetzen weiblicher Säuglinge kommen von Zeit zu Zeit vor." Die Folge ist eine demographische Verschiebung - Frauenmangel -, die schon jetzt unangenehme Folgen für die Frauen in China hat: Sie werden zunehmend verschleppt und zu Ehen oder in die Prostitution gezwungen. Der stellvertretende Minister für öffentliche Sicherheit, Bai Jing-fu, sprach von 49 839 verhafteten Kidnappern und 24 751 geretteten Frauen in den vergangenen zwei Jahren.

[FOCUS, H. 36, 04.09.1995]