Gigantische Fluss-Umleitung in China

Projekt soll Dürre im Norden beheben / Warnungen der Wissenschaftler missachtet
Von Karl Grobe

Wasser aus dem Jangtse soll in 15 Jahren in den oft von Dürre geplagten Norden Chinas fließen. Schon in diesem Sommer soll der Staatsrat den Bau der ersten Kanaltrasse beschließen und Gelder bereit stellen, 2002 soll der Bau beginnen, berichtete kürzlich die Zeitung China Daily. 2015 würden dem Plan entsprechend die östliche und die mittlere Linie, jeweils 2400 Kilometer lange künstliche Wasserläufe, fertiggestellt. Sie sollen dem rasch wachsenden Wassermangel in Peking und Tianjin abhelfen und die wichtigen Anbaugebiete in der "Huang-Huai-Hai-Ebene", die nach den relativ wasserarmen Flüssen des Nordens so genannt wird, vor Dürrefolgen schützen.

Zhang Guoliang, Präsident der für das Projekt zuständigen Planungsbehörde, erwartet Baukosten von umgerechnet 35 Milliarden Mark, von denen 60 Prozent aus dem Staatshaushalt und der Rest aus lokalen und regionalen Fonds stammen sollen. Er deutete jedoch auch die Möglichkeit von Kreditaufnahmen bei Auslandsbanken an. Der Wasserpreis werde dann bei 40 Pfennig pro Kubikmeter liegen - das müsse man heute schon Peking und Tianjin zahlen. Doch befürchten andere Experten bereits doppelt so hohe Kosten.

Das ganze Projekt soll - einschließlich einer weit im chinesischen Westen verlaufenden Fluss-Verbindung, über die "noch geforscht" (Zhang) wird - etwa die Wassermenge aus dem Jangtse abzweigen, die der des Gelben Flusses in Normaljahren entspricht. Das ökologische Gleichgewicht sei dabei nicht gefährdet. Die vorsorglichen Hochrechnungen haben dennoch die Skeptiker, die das schon 1952 von Mao Tsetung "angedachte" Projekt mit großer Besorgnis begleiten, die Ohren spitzen lassen. 48 Milliarden Kubikmeter Wasser werden abgeleitet, von denen "bis zu 35" der Industrie, den Städtern und der Landwirtschaft "zur Verfügung stehen" sollen. Die stattliche Differenz wird nicht erklärt. Vor Versumpfung und Versalzung ganzer Regionen mit labilem Gleichgewicht haben chinesische Wissenschaftler allerdings schon vor Jahrzehnten gewarnt. Und noch ein weiteres Problem gibt es: Ob nicht einsickerndes See- und Brackwasser die Region am unteren Teil des Jangtse unfruchtbar machen wird, wenn der lange Fluss dort schwächer fließt und das süße Grundwasser nicht mehr hinreichend ergänzt, wird von den Planern derzeit offenbar nicht gefragt.

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Dokument erstellt am 12.02.2001 um 21:09:12 Uhr
Erscheinungsdatum 13.02.2001