Dicke Luft am Gelben Fluss Damit der Wind durch Chinas dreckigste Stadt wehen kann, wollte man einmal einen Berg abtragen Von Harald Maass (Lanzhou) Wahrscheinlich ist es ein Fehler, Lanzhou im Winter zu besuchen. Nicht dass die Industriemetropole im Nordwesten Chinas keine Reize hätte. Moderne Kaufhäuser ragen neuerdings aus dem renovierten Stadtkern in den Himmel, an den Ufern des Gelben Flusses laden Spezialitätenrestaurants ein. Das Problem ist nur, dass man in Lanzhou meistens weder Himmel noch Flussufer sieht. Stattdessen ist die Stadt in einen weißen Dunstschleier gehüllt. Die grauen Wohnblöcke verschwinden in dem Nebel, die Autos, die Brücke - eingetaucht in gelbliches Weiß. Einen Moment lang zweifelt der Besucher, ob dieser Dunst nicht einfach Nebelwolken sind. Dann sieht er die Frauen und Kinder dieser Stadt. Sie tragen weiße Schutzmasken vor den Mündern. Lanzhou hat einen schlechten Ruf. Bei der jüngsten weltweiten Untersuchung 1998 erklärte das Washingtoner "World Ressource Institute" Lanzhou zur schmutzigsten Stadt der Erde. Der Ausstoß von Schwefeldioxid aus den Industrieschloten ist zehnmal höher als die erlaubten Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation WTO. Die Luftbelastung, die Kinder an einem normalen Tag in dieser von Bergkuppen eingekesselten Stadt einatmen, entspricht der von zwei Packungen Zigaretten. Für Erwachsene, die langsamer atmen, reicht es immerhin noch für eine Packung. In den Straßen und Geschäften von Lanzhou hört man ständig Menschen husten. Vor den Apotheken werben Schilder für Medizin gegen Atemnot und Asthma. Eine ökologische Katastrophe. Die knapp zwei Millionen Menschen in Lanzhou haben gelernt, so gut es geht mit der schlechten Luft zu leben. In der Zhongshan-Straße verkauft eine Händlerin weiße Mundschutzmasken aus Baumwolle, wie sie sonst nur in Krankenhäusern verwendet werden. Einen Yuan - knapp dreißig Pfennig - kosten die Masken, die im Winter auch vor Erkältungen schützen sollen. Läuft das Geschäft gut? "Natürlich. Mit den Masken atmet sich doch viel besser", nuschelt sie durch ihren Mundschutz. Wer etwas tiefer in die Tasche greift, kann sich im örtlichen Parkson-Kaufhaus für 890 Yuan eine elektrische Luftreinigungsmaschine kaufen. An einem Vorführmodell zeigt die Verkäuferin einem jungen Paar, wie die Maschine pechschwarzen Rauch einsaugt. "Schauen Sie. Das lagert sich sonst alles in ihrer Lunge ab", erklärt sie. Es ist nicht so, dass man in Lanzhou nichts gegen den Schmutz tun möchte. Mitte der neunziger Jahre kündigte die Stadtregierung ein ehrgeiziges Umweltschutzprogramm an. Die Abgase der Schwerindustrie und der Ölraffinerie sollte gefiltert werden. Den Ausstoß der Autos wollte man drosseln, moderne Gasheizungen sollten im Winter die dreckigen Kohleöfen ersetzten. Und damit nicht genug: Weil Lanzhou in einem Bergkessel liegt, aus dem die Umweltgifte nicht abziehen, verkündeten die Stadtoberen 1996 ein einmaliges Projekt. Um die Luft in der Stadt ein für alle Mal zu verbessern, werde man einen der Berge abtragen. Wie durch ein geöffnetes Fenster werde dann frischer Wind in die Stadt blasen, erklärten Professoren der örtlichen Universität, die auch schon das geeignete Objekt ausgemacht hatten. Der Daqing Shan, der "Große Grüne Berg", im Osten vor der Stadt sollte weg. Mit riesigen Wasserpumpen wollte man den sandige Boden des Bergs einfach in den Gelben Fluss spülen. Begeistert berichteten Chinas Medien über das Vorhaben der Lanzhouer. Wo die Natur versagte, müsse eben der Mensch eingreifen. Und manch einer fühlte sich an das Märchen von Yu Gong erinnert - dem "Närrischen Greis". Der alten chinesischen Legende nach wollte der alte Yu Gong vor langer Zeit zwei Berge abtragen, weil diese ihm die Sicht auf die Stadt verstellten. Mit Schaufeln ließ er seine Familie die Erde abtragen. Die Nachbarn lachten ihn aus, weil er die riesige Arbeit nie bewältigen könne. Yu Gong antwortete nur: Was er zu Lebzeiten nicht schaffe, würden seine Söhne und Enkel schaffen. Die Götter waren von dem eisernen Willen des Yu Gong so bewegt, dass sie zwei Engel zur Erde schickten, welche die Berge über Nacht wegtrugen. Daraus hat später Mao Tsetung eine politische Parabel gemacht, deren Lehre war: Die Volksmassen können die Welt verändern. Nach Lanzhou kam kein Engel. Der Daqing Shan steht noch immer. Groß und gelb ragt er über der Stadt. Die Baustelle des Projekts zum "Abbau des Großen Grünen Bergs und zweier Nebenberge" ist verwaist, die Baubaracken sind verwittert. "Das Geld ist ausgegangen. Hier wird nicht mehr gearbeitet", erzählt der früherer Vorarbeiter Qian. An der Südseite des Bergs wird zwar wieder gegraben, aber nur um Platz für eine Schnellstraße zu machen. Es habe technische Probleme beim Abtragen des Bergs gegeben, berichtet Qian. Um die Lösserde wegzuspülen, reichten die Quellen auf dem Berg nicht aus. Riesige Pumpen seien notwendig gewesen, um Wasser vom Gelben Fluss auf den Berg zu bringen. Das Projekt verlief buchstäblich im Sande. "Schade eigentlich, vielleicht hätte es ja wirklich funktioniert", sagt Qian. In der Stadtregierung von Lanzhou spricht heute niemand mehr von dem Berg. Überhaupt redet man nicht gern über die Umweltprobleme. Interviewanfragen werden abgelehnt. Was sollen sie den Journalisten aus dem Westen auch schon erzählen? Dass die Zentralregierung in Peking zwar neue Umweltgesetze erlässt, in Lanzhou aber das Geld fehlt, um diese auch nur halbwegs umzusetzen? Dass sich mit dem Bankrott der Staatsbetriebe die Umweltsituation sogar noch verschlechtert hat? In vielen Miethäusern heizen die Menschen heute wieder mit schmutzigen Kohleöfen - sie haben kein Geld mehr, die Zentralheizung zu bezahlen. In den großzügigen Statistiken zur Luftverschmutzung, die täglich in den Zeitungen stehen, erreicht Lanzhou regelmäßig den Spitzenwert von 500. Zum Vergleich: In Peking, wo ausländische Diplomaten wegen der schlechten Luft jeden Monat so genannte Smog-Tage zum Ausruhen erhalten, ist der Wert selten höher als 150. Die Umweltverschmutzung ist in anderen Teilen Chinas kaum geringer. Neun der zehn am meisten verschmutzten Städte der Erde waren im vergangenen Jahr im Reich der Mitte. In wenigen Jahren wird China der weltweit größte Produzent von Treibhausgasen sein. Flüsse und Seen sind verpestet. Bis hinauf in die Wälder am Fuße des Himalaja schlagen die Holzfirmen ihre Schneisen. Lange kann sich das Land den Raubbau an der Natur jedoch nicht leisten. Land, Luft und Wasser sind in China rar. Mit nur sieben Prozent der Weltackerfläche muss China ein Fünftel der Menschheit ernähren. 3,5 Prozent des Bruttosozialprodukts gehen nach Rechnungen chinesischer Experten jedes Jahr durch die Umweltzerstörung verloren. Rechnet man - wie die Kosten durch Krankheiten - den Verlust von Agrarland und Wäldern ein, so entspricht der Schaden nach Schätzungen der Weltbank bis zu acht Prozent des Bruttosozialprodukts. Dieser Betrag entspricht dem gesamten derzeitigen Wirtschaftsaufschwung. Zumindest langsam scheint in Peking jedoch ein Umdenken stattzufinden. Infolge der jährlichen Naturkatastrophen - Dürre im Norden und Hochwasser im Süden - haben die KP-Führer erkannt, dass sie den Umweltschutz nicht länger hinausschieben können. Im vergangenen Jahr investierte Peking nach Regierungsangaben rund 20 Milliarden Dollar in den Umweltschutzprojekte. Zehntausende veraltete Fabriken, viele auf dem technischen Stand der fünfziger Jahre, seien geschlossen worden. An den Schulen lernen chinesische Kinder heute zum ersten Mal die Bedeutung der Natur für den Menschen. Die Erfolge sind bislang noch gering. "Angesichts des enormen Ausmaßes der Probleme tun sie noch viel zu wenig. Aber immerhin tun sie etwas", sagt Luisa Tam von Greenpeace in Hongkong. Vor allem in den Nordprovinzen, die Mao Tsetung einst zur Hochburg der chinesischen Schwerindustrie aufrüsten ließ, fehlt Geld für den Umweltschutz. Viele lokale Kader betrachten - wie früher im Westen - den Umweltschutz als zweitrangig hinter der Wirtschaft. Umweltbestimmungen werden lasch oder gar nicht durchgesetzt. In Shiyan (Provinz Hubei) ließen die Kader dieses Jahr ihre abgeholzten Berge mit grüner Spezialfarbe anmalen, so dass sie aus der Ferne wie begrünt aussahen. Als Wunder der Aufforstung wurde Shiyan bekannt - bis der Betrug aufgedeckt wurde. Ein Wunder vom Daqing-Berg erwarten in Lanzhou nur noch wenige. "Wir atmen unser ganzes Leben diese Luft, wir sind abgehärtet", sagt die Mutter eines Kleinkinds. Vielleicht hat sie ja recht? Im Bus auf dem Rückweg zum Flughafen am nächsten Tag scheint keiner der Passagiere zu merken, dass mit der Heizungsluft auch Abgase aus dem Motor den Innenraum verpesten. Niemand beschwert sich, keiner versucht ein Fenster zu öffnen. Stattdessen zünden sich die beiden Männer auf den Vordersitzen gemütlich Zigaretten an. In Lanzhou macht das wohl keinen Unterschied mehr.
[ document info
]
|