Wanderarbeiter in China

Eine Folge des starken Wirtschaftswachstums in China seit den Reformen Deng Xiaopings, das zunächst vor allem an der Küste zu einem Boom geführt hat, ist die Entstehung ausgeprägter Disparitäten zwischen entwickelteren und weniger entwickelten Regionen. Sichtbarer Ausdruck dieser Disparitäten ist die Existenz einer für europäische Verhältnisse gigantischen Anzahl von Menschen, die aus dem Hinterland abwandern und vor allem auf den Baustellen an der Küste aber auch im Bereich des informellen Sektors versuchen, Arbeit und Lohn zu finden, da die Landwirtschaft in den rückständigen Gebieten nicht mehr in der Lage ist, alle Menschen zu beschäftigen. Sebastian Heilmann (in: Brunhild Staiger [2000], S. 92; s. Literatur) gibt an, dass nur noch etwa knapp zwei Drittel der rund 900 Millionen auf dem Land lebenden Chinesen von der Agrarwirtschaft lebten.
Die Angaben über die Zahl dieser sog. Wanderarbeiter schwanken in der Literatur zwischen 80 und 150 Millionen (zum Vergleich: Einwohnerzahl der Bundesrepublik Deutschland etwa 80 Millionen).
Diese Land-Stadt-Migrationen führen aber keineswegs zu einer dauerhaften Ansiedlung in den Städten, da den Wanderarbeitern das Recht einer legalen Haushaltsregistrierung verweigert wird; vielmehr haben sie im Regelfall nur den Status zeitweiliger Einwohner und sind damit relativ rechtlos und abhängig. Hier entsteht wohl ein größeres soziales Konfliktpotential.

Bettina Gransow (in: Brunhild Staiger, a.a.O., S. 188) schreibt, die
'Entstehung von Migrantensiedlungen ist bisher für Beijing, Shanghai, Tianjin, Guangzhou und Shenzhen festgestellt worden. Für Shanghai, die größte Metropole Chinas, wird die Anzahl der Migranten (1993) mit 2,8 Millionen angegeben. Nach Schätzungen wird allein in Shanghai mit einem Anstieg auf 6,5 Millionen Migranten bis Ende des 20. Jahrhunderts gerechnet und auf 9 Millionen für das Jahr 2020 [...]. Organisiert nach Herkunftsorten oder Berufen, bilden die Migranten hier eigene Siedlungen am Rande der Stadt oder in Vorortbezirken. Die Wohnbedingungen werden als völlig unzureichend geschildert. Auch Chen Weixing (1996) hebt die negativen Folgen der Migration hervor und nennt in diesem Zusammenhang wachsende Kriminalität, Druck auf die städtische Infrastruktur, Spannungen zwischen Migranten und Stadtbevölkerung, Umweltverschmutzung, Epidemien, (mangelnde) Geburtenplanung und potenzielle politische Instabilität. Insgesamt sieht er die Land-Stadt-Wanderungen als eine Hauptquelle sozialer Instabilität der chinesischen Gesellschaft in den neunziger Jahren an.'


typische Tätigkeiten des informellen Sektors, die häufig von Wanderarbeitern ausgeübt werden, sind z.B. Haareschneiden und aus der Hand lesen

s. auch den Artikel „Die Mauer zwischen Stadt und Land“ in der Frankfurter Rundschau vom 9.10.2001

Links zum Thema Wanderarbeiter

  • China - Hans Mathieu. - Teil 5
  • Großmächte - oder Weltregierung CHINAS FAUSTISCHER PAKT - SPIEGEL ONLINE
  • Der lange Marsch der Bauern in die Stadt (Inwertsetzung und Migration in China)
  • Volksrepublik China - Gesellschaft im Wandel (Informationen zur pol. Bildung)
  • Sozialer Aufstieg in der Illegalität / Ein Migrantenleben in China
  • Rural–urban labour migration in China
  • Rural to Urban Labor Migration in China
  • The Great Migration
  • Economic Migrants [TIME Asia, 2003]
  • Folgen der Wirtschaftskrise: entlassene Wanderarbeiter
  • © Hans-Peter Hein


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